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100 Jahre 1. Weltkrieg: Tod auf dem Schlachtfeld

Weit über 50 Kunsthäuser zeigen Bilder, Schriften und persönliche Gegenstände aus der Zeit von 1914 bis 1918, da Deutschland zwischen Angst und Begeisterung in den großen Kampf marschierte.
Bernhard Winters Ölgemälde »Sprung auf, marsch, marsch!« aus dem Jahr 1914 verbildlicht die Kriegsbegeisterung der Deutschen. Bernhard Winters Ölgemälde »Sprung auf, marsch, marsch!« aus dem Jahr 1914 verbildlicht die Kriegsbegeisterung der Deutschen.

Niemals zuvor hat ein historisches Ereignis die deutschen Museen zu einem solchen Massenaufgebot von Ausstellungen animiert. Der Erste Weltkrieg brach vor 100 Jahren, im August 1914, los und dauerte bis November 1918. Weit über 50 Ausstellungen sind angekündigt oder widmen sich bereits dem „Großen Krieg“, wie er in Frankreich und England genannt wird. Neben Präsentationen, die sich den Ereignissen aus lokaler oder regionaler Sicht nähern, gibt es Überblicksausstellungen und Spezialbetrachtungen (siehe untenstehende Übersicht). So widmet sich das Freilichtmuseum Lindlar von März an der „Ländlichen Elektrifizierung um 1914“, während das Deutsche Medizinhistorische Museum Ingolstadt von Juli an „Röntgenbilder aus dem Ersten Weltkrieg“ zeigt.

Seit 20 Jahren besteht bereits die im Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt eingerichtete Dauerausstellung über den Ersten Weltkrieg – und ist noch immer ein Geheimtipp. Die eindrucksvolle Inszenierung, die den Besucher durch nachgebaute Unterstände und Schützengraben führt, lässt so gut wie keinen Aspekt des Ersten Weltkriegs aus. Es geht um den alltäglichen Militarismus im Kaiserreich, die Entwicklung der Kriegstechnik, um Materialschlachten, Luftkrieg, Marine und U-Boot-Krieg, Kolonien, die Entbehrungen an der Heimatfront und die Niederlage 1918.

Zum Sortiment der Mordwaffen gehören Keulen und Handgranaten, Mörser, Haubitzen und das sprichtwörtlich gewordene Maschinengewehr „Modell 08/15“. Neben Propagandaplakaten, die etwa unter dem Eindruck der Kriegsmangelwirtschaft Instruktionen zum sparsamen Gebrauch von Seife geben, werden historische Fotografien und Filme gezeigt. Anrührend ist der Kriegsnachlass des 1916 bei Verdun gefallenen berühmten Malers Franz Marc: Erkennungsmarke, Brustbeutel, Pfeifenkopf, Brieftasche, Epauletten und Eisernes Kreuz. Besonderen Wert legt die Schau auf Kunstwerke. Auf einem von Franz Wicky gemalte Porträt präsentiert sich Kaiser Wilhelm II. als Oberster Kriegsherr. Andere Gemälde stammen von Kriegsteilnehmern wie dem Jagdflieger Rudolf Stark oder dem als Kriegsmaler an der Front eingesetzten Hans von Hayek, der mit dem Gemälde „Soldatengräber bei Schloss Beaurains südlich von Arras“ vertreten ist.

 

Irrsinn des Kampfes

 

Der bedeutendste deutsche Kriegsmaler ist der von 1915 bis 1918 an der West- und Ostfront im Einsatz gewesene Otto Dix. Die 50 Radierungen seiner Mappe „Der Krieg“ (1924) gelten mit ihren erschreckenden Darstellungen von verwundeten, irrsinnigen und halb verwesten Soldaten als „das“ bildkünstlerische Antikriegsmonument schlechthin. Die Blätter der Kriegsmappe stehen im Mittelpunkt einer bis 27. April im Kunstmuseum Stuttgart präsentierten Schau.

Im Gegensatz zu Dix sind viele andere deutsche Künstler, die sich mit dem Krieg auseinandersetzten, heute vergessen. Eine Schau im Museum Spendhaus Reutlingen macht es sich zur Aufgabe, deren oftmals unter dem unmittelbaren Eindruck des Kriegsgeschehens geschaffene Grafiken und Gemälde vorzustellen. Sie stammen aus der Sammlung Gerhard Schneiders. Die Kunsthalle zu Kiel zeigt von Oktober an Gemälde, Grafiken und Skulpturen von Franz Marc, August Macke und rund 50 weiteren bekannten, mehrheitlich aber in Vergessenheit geratenen europäischen Künstlern, deren Leben durch den Krieg jäh beendet wurde. Der Titel der Ausstellung – „Sterne fallen“ – ist Zitat aus einem im Ersten Weltkrieg verfassten Gedicht des Expressionisten August Stramm, der 1915 an der Ostfront fiel.

Wenig bekannt sind die künstlerischen Arbeiten von Patienten psychiatrischer Anstalten, die sich auf Militarismus und Krieg im Kaiserreich beziehen. Mit ihnen befassen sich die Ausstellungen „Uniform und Eigensinn“, von Oktober an im Heidelberger Museum Sammlung Prinzhorn zu sehen, sowie „Krieg und Wahnsinn“, von Juni an im Militärhistorischen Museum Dresden. Die in der Psychiatrie entstandenen Bilder, die etwa groteske Uniformen oder Wunderwaffen darstellen, überspitzen den Irrsinn des vom Militarismus beherrschten Kaiserreichs zur Kenntlichkeit. Die Methoden der Massenmanipulation sind Thema der Schau „Krieg und Propaganda 14/18“, die von Juni an im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läuft. Plakate, Bildpostkarten sowie Alltagsgegenstände sollen veranschaulichen, dass die Macht der Meinungslenkung Dauer und Intensität des Ersten Weltkriegs bestimmte. Frankfurts Historisches Museum bereitet für September die Ausstellung „Gefangene Bilder. Wissenschaft und Propaganda im Ersten Weltkrieg“ vor.

Wie das Kriegsgeschehen direkt und indirekt auf die Sinne der Menschen einstürmte, erlebt man von April an in der Schau „Fastnacht der Hölle“ des in Stuttgart ansässigen Hauses der Geschichte Baden-Württembergs. Für das Fühlen steht ein Granatsplitter, der aus dem Körper eines französischen Soldaten herausoperiert wurde. Neue Perspektiven eröffnete die Fliegerkamera für Luftaufnahmen von der Front. An die Bekämpfung des ungeheuerlichen Geschützlärms erinnert eine Armeedose Ohropax. An die Geschmacksnerven appelliert eine Mineralwasserflasche vom Schlachtfeld von Verdun. Für das Riechen gibt es einen Beitrag von der Heimatfront: Kriegsseife erinnert daran, dass 1916 pro Person nur noch 50 Gramm Seife im Monat ausgegeben wurde. Unter fünf Hauben können der Gestank der Schützengräben, Bombenexplosionen und andere kriegsbedingte Sinneseindrücke nachempfunden werden. Der Ausstellungstitel geht auf ein von Ernst Jünger 1916 verfasstes Gedicht zurück: „Die Fastnacht der Hölle / Durchtobt die Welt / Geselle, Geselle / Wer zaudert, der fällt.“ Jünger kommt auch in der Ausstellung „August 1914. Literatur und Krieg“ zu Wort, die bis 31. März im Deutschen Literaturarchiv Marbach gezeigt wird. Zu den weiteren Teilnehmern, deren Tagebücher und Briefwechsel präsentiert werden, gehören Franz Kafka und die an Franz Marc schreibende Else Lasker-Schüler. Jeder Tag des Augusts 1914 bis zum Kriegsende 1918 wird episodenhaft mit weiteren schriftlichen Äußerungen belegt.

 

Gewitter der Granaten

 

Auf Ernst Jüngers Zeugenschaft setzt auch das Deutsche Historische Museum Berlin: In der von August an laufenden Schau „1914-1918. Der Erste Weltkrieg“ werden zwei seiner Kriegstagebücher sowie der von ihm erbeutete Stahlhelm eines gefallenen britischen Soldaten gezeigt. Die Schau blickt über Deutschland hinaus ins Ausland. Ausgehend von 15 Orten, darunter politische Zentren wie Berlin und Petrograd, besetzte Städte wie Brüssel und Schlachtfelder wie Tannenberg und Verdun, werden Verlauf und Folgen des Ersten Weltkriegs beleuchtet. Eindringlich sollen die Schrecken des Krieges vor Augen geführt werden: die zunehmende Brutalisierung des Kampfes und der perfide Einsatz immer neuer Vernichtungstechniken wie Giftgas, Flammenwerfer, Flugzeugbomben oder die von der Artillerie durchgeführten Feuerwalzen und ohne Pause über Stunden, ja Tage fortgesetzten Trommelfeuer. Die Hochburg der deutschen Rüstungsindustrie war die Rhein-Ruhr-Region. Ihr ist von April an im Essener Ruhr-Museum die Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“ gewidmet. Im Mittelteil der Ausstellung geht es um das von der Industrie ermöglichte Massentöten.
 

Willibald Krains Lithografie „Sieg“ (1916) zeigt das vergossene Blut.
Info: Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg

„Der Erste Weltkrieg“. Dauerausstellung im Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt. „August 1914. Literatur und Krieg“. Deutsches Literaturarchiv Marbach, bis 20.

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