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Ausstellung im Städel: Rubens war ein reicher Mann

Von Zu den brotlosen Künstlern gehörte der Niederländer Peter Paul Rubens wahrlich nicht. Würde er heute leben, wäre er ein Star des Weltkunstmarkts.
Peter Paul Rubens als Wohlstandsbürger auf einem Selbstbildnis von 1609/10 mit seiner ersten Ehefrau Isabella Brant in einer Geißblattlaube. Noch bis 3. Juni läuft im Frankfurter Städel die Rubens-Ausstellung. Peter Paul Rubens als Wohlstandsbürger auf einem Selbstbildnis von 1609/10 mit seiner ersten Ehefrau Isabella Brant in einer Geißblattlaube. Noch bis 3. Juni läuft im Frankfurter Städel die Rubens-Ausstellung.

Alles Schöne ist rund, meinte Peter Paul Rubens, und warum soll er damit nicht auch die Goldmünzen gemeint haben, die Gulden, die ihm im Laufe seines Lebens durch die Finger rannen? Die barocke Fülle, die das Malergenie aus Flandern den Frauen auf seinen Bildern schenkte, fand sich gleichermaßen in seinem Lebenswandel. In seinen späten, besten Jahren bewohnte er in Antwerpen einen Palazzo, besaß Landgüter und Pferde, erfreute sich des Reichtums, den er als Hofmaler mehrerer Fürsten erworben hatte und war noch immer als höchster Gesandter unterwegs. Würde Peter Paul Rubens heute leben – er wäre ein Star des Weltkunstmarkts und der Weltpolitik. Seine Bilder würden ihm, der sein eigener Kunsthändler war, Millionen einbringen.

Direkt aus dem Atelier

Zwar gibt es derzeit keinen Gegenwartsmaler, den man unbefangen als Genie bezeichnen wollte, als überragenden Kreator und Erneuerer der Kunstgeschichte, der Maßstäbe für kommende Jahrhunderte setzt. Vielleicht war Picasso der bislang letzte dieser Art. Aber es gibt doch Spitzenkünstler, deren Werke international anerkannt und gefragt sind, frisch gefirnisst aus dem Atelier heraus riesige Summen einbringen und ihre Urheber zu Großverdienern machen. Drei Deutsche sind mit darunter: Gerhard Richter, Anselm Kiefer und Neo Rauch. So wurde 2015 das „Abstrakte Bild“ des in Köln lebenden Gerhard Richter für 41 Millionen Euro versteigert – was der Künstler selbst „schockierend“ fand. Das Ölgemälde „Säulen“ des in Paris arbeitenden Anselm Kiefer wiederum brachte bei einer Auktion 1992 gut 530 000 Euro ein. Und das Bild „Stellwerk“ des in Leipzig wirkenden Neo Rauch erzielte 2007, ebenfalls bei einer Auktion, knapp 1 Million Euro.

Neo Rauch, der jüngste der drei Titanen, dessen Lebenslauf sich wie eine Serie von Schreckensbildern ausnimmt (seine Eltern verunglückten tödlich, er selbst entkam dem beinahe mörderischen Angriff eines Wespenschwarms), gibt pro Jahr etwa 20 Bilder aus seiner Produktion frei und kommentierte den kommerziellen Zuspruch für seine verrätselten Bildmotive einmal mit verzweifelter Selbstironie: „Wenn ein Bild verstanden wird, ist das ein künstlerischer Unfall“.

Weltweite Preissteigerung

Die hohen Erlöse für ihre teuren Werke erhalten Maler selbstverständlich nur, solange ihre Erzeugnisse noch ihr Eigentum sind. Oft sind die Gewinner unter jenen, die Kunst nur als Geldanlage betrachten. Zu den Nebenwirkungen der globalen Preissteigerung gehört, dass Museen sich wegen ihrer begrenzten Etats immer weniger Ankäufe leisten können und aussichtslos mit vermögenden Einzelkäufern konkurrieren. Bei den Versteigerungen treffen neureiche Unternehmer und Investmentbanker auf altreiche Kunstkenner und Erben. Was sie erwerben, verschwindet meist aus der Öffentlichkeit, taucht nur gelegentlich als Leihgabe wieder auf.

Die wenigen Künstler unter den Profiteuren des Kunstmarkts, der zum Weltmarkt geworden ist, seit die wirtschaftlich erstarkten Nationen Russland und China dazugestoßen sind, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Malerkollegen mittellos bleiben, sofern sie nicht in die Berufstätigkeit als Kunstlehrer, Gebrauchsgrafiker, Steinmetz, Taxifahrer oder Kellner ausweichen. Obwohl im heutigen Sozialstaat die Künstlersozialkasse alle freien Schriftsteller, bildenden Künstler, Musiker und Schauspieler gegen Krankheit und Altersarmut versichert, gehören die Betreffenden im Schnitt zu den Kleinverdienern. Gerade erst hat der Berliner Berufsverband der Bildenden Künstler ermittelt, dass 90 Prozent der Hauptstadtkünstler monatlich nur rund 970 Euro (Männer) beziehungsweise 700 Euro (Frauen) verdienen.

Unschätzbare Einzelstücke

Nichts hat die Vorstellung vom brotlosen Künstler so eindringlich vermittelt wie Carl Spitzwegs Gemälde „Der arme Poet“. Es zeigt einen Schriftsteller, der sich mit Zipfelmütze und Morgenmantel vor der Kälte in seiner Dachkammer unter die Bettdecke verkrochen hat. Zum Heizen hätte der arme Mann nur die Papierseiten seiner Bücher. Man spürt, wie er fröstelt und gegen die herabtropfende Nässe aus dem löchrigen Dach den Regenschirm über sich aufgespannt hat. Die Hoffnung aufgeben will dieser Dichter zuletzt. Wenn schon die Welt nichts von ihm hält, will er wenigstens selbst an sich glauben.

Nun drückt der Verkaufspreis eines Kunstwerks, so hoch er sein mag, noch nichts über die künstlerische Bedeutung, Bekanntheit oder Beliebtheit aus. Niemand vermag vorherzusagen, was die „Mona Lisa“, die zusammen mit dem „Armen Poeten“ als Lieblingswerk der Deutschen gilt, einbrächte, käme der Louvre je auf die verrückte Idee, sie zu veräußern. „Unschätzbar“ heißt das Adjektiv für derartige Solitäre, die in die höchste Klasse „Meisterwerke der Menschheit“ aufgestiegen sind, in jenen Kunsthimmel, in dem auch Rubens Platz genommen hat. Als Gottvater der berühmten flämischen Malerschule Antwerpens hat er im 17. Jahrhundert mit dem knapp 30 Jahre jüngeren Rembrandt und dem 55 Jahre jüngeren Vermeer den Niederländern, wenn nicht allen nördlichen Europäern die gegenständliche Malerei in einer Pracht vor Augen geführt, wie sie sonst nur in Italien gedieh.

Dass ausgerechnet Neo Rauch, der moderne Fürst der Neuen Leipziger Schule, im Museum der holländischen Stadt Zwolle derzeit über 60 Bilder zeigen kann, ist kein Zufall. Sicherlich: Er malt gelegentlich Windmühlen, und sein Stil wird wortspielerisch als Neo-Barock bezeichnet. Das könnte die niederländischen Ausstellungsmacher für ihn eingenommen haben. Doch ausschlaggebender dürfte gewesen sein, dass er zu den Hauptmännern jener DDR-Malerei zählt, die nach Jahrzehnten der Abstraktion im Westen wieder das Figurative zur Geltung brachten, bis nach Amerika. Sie und ihre anschauliche Kunst signalisieren: Ein bisschen Rubens tut’s noch immer. Und wie genau kam nun eben dieser Rubens zu seinem Vermögen? Geboren 1577 wegen des katholisch-protestantischen Religionskampfs im deutschen Exil, in Siegen, kehrte er als Junge mit der verwitweten Mutter nach Flandern zurück und wurde in die Malergilde Antwerpen aufgenommen. Es war die Zeit der Fürstenhöfe und der Auftragskunst. Das Geld dafür kam aus dem ertragreichen niederländischen Handel mit Kaffee, Kakao, Gewürzen, Hölzern und Seidenstoffen aus den Übersee-Kolonien in Ostindien und Südafrika. Die Niederlande besaßen damals die größte Seehandelsflotte der Alten Welt und erlebten einen Aufschwung, der als „Goldenes Zeitalter“ in die Geschichte einging. 1602 wurde die Niederländisch-Ostindische Aktiengesellschaft mit 6,5 Millionen Gulden gegründet, sieben Jahre später die Bank von Amsterdam.

Geld für Auftragskunst

Rubens verbrachte einige Jahre in Italien, am Hof des Fürsten von Mantua. Heimgekehrt nach Holland, trat er als Hofmaler in die Dienste der habsburgischen Statthalter der spanischen Niederlande, Erzherzog Albrecht von Österreich und Isabella von Spanien. Als solcher erhielt Rubens derart viele Aufträge, dass er sein Malgeschäft mitsamt eigener Werkstatt erweitern musste, wobei Anthonis van Dyck sein Lehrling wurde, Jan Brueghel und Frans Hals seine Mitarbeiter. Etwa 2000 Bilder entstanden in seinem Großatelier, rund 800 von eigener Hand. Die Kupferstiche, die Rubens von seinen Gemälden anfertigen ließ, waren Fließbandarbeit.

Der Meisterkünstler gewann an Geld und gesellschaftlichem Ansehen und glich bald den von ihm porträtierten Wohlstandsbürgern. Ein Selbstbildnis zeigt ihn 1609 mit Seidenjäckchen und feinstem Spitzenkragen neben seiner ersten Ehefrau Isabella Brant, Tochter des Stadtsekretärs. Noch in späten Lebensjahren erhielt Rubens durch Vermittlung der verwitweten Isabella von Spanien diplomatische Aufträge. Die Regentin schickte ihn 1629, mitten in den Unruhen des Dreißigjährigen Krieges, zu den Friedensverhandlungen zwischen England und Spanien.

Handel mit Diamanten

Dass Peter Paul Rubens sogar weniger Geld mit seiner Kunstwerkstatt verdiente (100 Gulden pro Tag) als durch sonstige Geschäfte, hat der Rubens-Fachmann Nils Büttner erforscht. Bei einem Vortrag im Städel, wo bis 3. Juni die Rubens-Schau läuft, berichtete der Professor der Kunstakademie Stuttgart, dass Rubens zu seiner Zeit gar nicht mal der teuerste Maler in Antwerpen war. Dafür hatte er Pachteinnahmen, Aktien an der Börse, zusätzlich zum Stadtpalast ein Landschloss, das heute auf 4 Millionen Euro geschätzt wird, und es gibt, so Büttner, „Hinweise auf Diamantenhandel“.

Städel-Museum

Frankfurt, Schaumainkai 63. Bis 3. Juni, Di, Mi, Sa, So, Pfingstmontag 10–18 Uhr, Do, Fr 10–21 Uhr. Eintritt 14/16 Euro. Telefon (069) 60 50 58-200. Internet www.staedelmuseum.de

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