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Wie und was ist die Wirklichkeit?

Von Es geht um eine Schriftstellerin, die in einer persönlichen Krise steckt und eine Ghostwriterin kennenlernt, die ihr verblüffend ähnlich sieht.
Die Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner, links) hat sich mit der Ghostwriterin Elle (Eva Green) angefreundet, die immer mehr die Herrschaft über ihr Leben übernimmt. Foto: Carole Bethuel (Studiocanal GmbH) Die Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner, links) hat sich mit der Ghostwriterin Elle (Eva Green) angefreundet, die immer mehr die Herrschaft über ihr Leben übernimmt.

Seit fast schon 60 Jahren dreht Roman Polanski Filme. Von „Das Messer im Wasser“ bis zu „Rosemaries Baby“, von „Tanz der Vampire“ bis zu „Der Gott des Gemetzels“, von „Chinatown“ bis zu „Der Pianist“. So unterschiedlich all diese Kinowerke sein mögen, immer geht es um das Ende einer Gewissheit, das plötzliche Hereinbrechen von Unsicherheit und Gewalt, um die Infragestellung der Wirklichkeit oder der eigenen Person. Denn nichts ist für immer fest und unverrückbar, nichts unverbrüchlich so wie es scheint. Welten stürzen ein, Himmel und Höllen öffnen oder schließen sich, aus Menschen werden Monster, wenn nicht umgekehrt.

Gerade Polanski selbst hat das erfahren: als Überlebender der nationalsozialistischen Judenverfolgung, als Ehemann der ermordeten Sharon Tate sowie als namhafter Filmemacher, den die amerikanische Justiz noch nach Jahrzehnten wegen eines Sexualverbrechens belangen will. Hat die Künstlerszene ihn lange vor den Strafrichtern in Schutz genommen, so haben jetzt doch noch die Scharfrichter der #MeToo-Debatte ihn verurteilt.

Abhängigkeit droht

In „Nach einer wahren Geschichte“ beginnt der völlige Umbruch eines erfolgreichen Lebens mit einer Schaffenskrise. Die Schriftstellerin Delphine (gespielt von Polanskis dritter Ehefrau Emmanuelle Seigner) kann nach dem Selbstmord ihrer Mutter nicht mehr schreiben. Gedanken, Gefühle und Worte sind blockiert. Delphine ist überfordert und brüskiert auf einer Lesung ihr treues Publikum mit Ablehnung. Doch von einer ihrer Bewunderinnen fühlt sie sich bei dieser Veranstaltung ungewöhnlich angezogen. Es ist die deutlich jüngere Elle (Eva Green), eine Ghostwriterin (!), die starke äußere Ähnlichkeit mit Delphine aufweist. Sie hat das gleiche rote Haar, die gleichen blauen Augen und jene vorwärtstreibende Energie, die Delphine einst zu eigen war. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Freundschaft, die in Abhängigkeit zu kippen droht, je mehr Elle in Delphines Leben eingreift.

Verlust der Identität

Sind es tatsächlich zwei verschiedene Personen, die hier einander begegnen? Oder ist es nur einunddieselbe Frau, die sich mit ihrem zweiten Ich konfrontiert sieht und immer tiefer in die Krise rutscht, weil sie nicht mehr weiß, wie sie weiterleben soll? Zu Polanskis Fähigkeiten als Spannungsregisseur gehört es seit jeher, alles erfinden zu können, ohne dass es erfunden wirkt. Er erspürt den Surrealismus im Realismus, ohne vom Boden abzuheben. Auch dieser Film lässt alles offen, ohne deshalb orientierungslos umher zu irren. Die Handlung hat Halt, nur die Hauptfigur Delphine hat keine klaren Umrisse.

Ein neues Meisterwerk des polnisch-französischen Regisseurs ist hier ebenso wenig zu besichtigen wie eine schauspielerische Glanzleistung. „Nach einer wahren Geschichte“ gesellt sich zu den vielen anderen Thrillern, die sich schon um den Identitätsverlust gedreht haben („Das geheime Fenster“ nach Stephen King mit Johnny Depp) und die alle im Schatten von Alfred Hitchcocks unerreichtem „Vertigo“ verbleiben. Annehmbar

In diesen Kinos

Frankfurt: Cinema (D+OmU), Mal seh’n (OmU)

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