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Geiselnahme in Gefängnis

Über Stunden ist eine junge Justizangestellte in der Gewalt eines Untersuchungshäftlings. Der Geiselnehmer wird überwältigt - er hatte sich in einem Raum mit Überwachungsmonitoren verschanzt. Die Geiselnahme wirft Fragen zu Sicherheitsstandards auf.
Foto: Petair, Fotolia.com
Suhl/Erfurt.  Nach einem zwölfstündigen Nervenkrieg ist am Osterwochenende eine Geiselnahme im thüringischen Gefängnis Suhl-Goldlauter unblutig zu Ende gegangen. Am Samstag gegen 2.20 Uhr überwältigten vier Spezialbeamte einen mit einem Messer bewaffneten, mehrfach vorbestraften Gewalttäter, der eine 26 Jahre alte Justizbeamtin in seine Gewalt gebracht hatte. Der 52-Jährige soll seine Ehefrau getötet haben und saß seit Herbst in Suhl-Goldlauter in Untersuchungshaft, wie Justizminister Holger Poppenhäger (SPD) sagte. CDU und Linke wollen die Geiselnahme und die Sicherheitsbedingungen in Haftanstalten nun zum Thema im Landtag machen.

   Die Geisel blieb unverletzt. Der Geiselnehmer wurde laut Polizei in Thüringens modernstes Gefängnis in Tonna verlegt. Seine Forderungen seien «diffus» und wirr gewesen, sagte Polizeieinsatzleiter Wolfgang Nicolai. Zunächst habe er die Verlegung in ein anders Gefängnis gefordert, weil er sich bedroht gefühlt habe, später jedoch nicht mehr. Dem Geiselnehmer war laut Polizei in psychiatrischen Gutachten zu früheren Delikten Frauenfeindlichkeit bescheinigt worden.

   Nach stundenlangen Verhandlungen, in denen der Mann zeitweise den Kontakt zur Polizei abbrach und laut Nicolai drohte, «die Frau mit in den Heldentod zu nehmen», habe der Geiselnehmer um 2.20 Uhr die Tür des Zimmers geöffnet. Die Geisel hielt er im Würgegriff und bedrohte sie mit dem Messer. In diesem Moment sei er von Beamten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) überwältigt und festgenommen worden.

   Innenstaatssekretär Bernhard Rieder bescheinigte der JVA-Beamtin Tapferkeit und große Nervenstärke. Es sei nicht selbstverständlich, dass Menschen in solchen Extremsituationen so besonnen reagierten. Die 26-Jährige arbeite seit vier Jahren in dem Gefängnis.

   Der Geiselnehmer habe schon in Zeiten der DDR schwere Straftaten begangen, sagte Poppenhäger. Zuletzt sei er 1994 wegen Totschlags verurteilt worden. 13 Jahre saß er dafür im Gefängnis - bis 2007. In Suhl-Goldlauter war er in U-Haft, weil er im Oktober 2012 seine Ehefrau in Erfurt erstochen haben soll. Er war damals mit einem Messer in der Hand und Blut an der Kleidung vor seiner Wohnung festgenommen worden. Das damalige Opfer war 28 Jahre alt.

   Die 26-Jährige sei am Nachmittag des Karfreitag auf dem Weg in ein Dienstzimmer im Zellentrakt der JVA gewesen, als der Häftling sie überwältigte und in das Zimmer drängte, in dem auch Überwachungsmonitore standen, hieß es. Er nutzte dafür den sogenannten «Umschluss» am Nachmittag - einen Zeitraum, in dem die Häftlinge aus dem Freizeitbereich der Haftanstalt wieder in ihre Zellen gebracht werden. Aus der benachbarten Teeküche habe er sich ein Messer besorgt - und die Frau mit Handschellen an die Heizung gefesselt. 80 Beamte waren im Einsatz, darunter eine Verhandlungsgruppe des Landeskriminalamtes.

   Die Thüringer Linke will die Geiselnahme zum Thema im Justizausschuss des Landtages machen, wie die Abgeordnete Sabine Berninger sagte. Auch über ein Justizvollzugskonzept und Gewaltprävention müsse gesprochen werden.

   Der Justizpolitiker der CDU, Manfred Scherer, erwartet einen Bericht des Justizministeriums, wie es zu der Geiselnahme kommen konnte. «Es sollte auch im Landtag Auskunft zu den Vorgängen geben», sagte Scherer am Montag der Nachrichtenagentur dpa. «100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Aber es müssen einige Fragen geklärt werden.» Dazu gehöre aus seiner Sicht, wie der Geiselnehmer an ein Messer kommen konnte und ob die Zahl der Justizvollzugsbediensteten an den Ostertagen in dem Gefängnis in Südthüringen ausgereicht habe.

   Linke-Fraktionschef Bodo Ramelow kritisierte die Situation in den Gefängnissen. «Die psychische Situation der Häftlinge wird zu gering beachtet. Das muss dringend verbessert werden», sagte Ramelow. Sowohl Justizminister Poppenhäger als auch der CDU-Abgeordnete Scherer verwiesen auf die Notwendigkeit des geplanten Gefängnisneubaus zusammen mit Sachsen. (Katrin Zeiß, Sophia-Caroline Kosel)
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