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Interview mit Professor Michael Wolffsohn: „Der französische Staat ist nicht in der Lage, seine Bürger zu schützen“

Von Der Historiker empfindet die französischen Behörden als hilflos und spricht über die Gefahr für Deutschland, die vom Terrorismus ausgeht.
Der Historiker Michael Wolffsohn. Bilder > Der Historiker Michael Wolffsohn.

Herr Professor Wolffsohn, hat sich Frankreich als schutzlos gegen den Terror erwiesen?

MICHAEL WOLFFSOHN: Leider nicht zum ersten oder letzten Mal. „Es ist etwas faul im Staate“, nein, nicht in Dänemark, sondern in Frankreich. Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sind blockiert. Der Staat funktioniert dort nicht mehr als Staat. Will sagen: Er ist nicht in der Lage, seine Bürger zu schützen. Die muslimischen Einwanderer hat man, auch geografisch, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und sie verlottern lassen. Aktive Integration wurde mit Worten betrieben, nicht mit Taten. Nun kommt die Abrechnung. Das alles rechtfertigt aber nicht den Terror. Er hat zudem auch außenpolitische Dimensionen.

Die Nachricht, dass den Sicherheitsbehörden einige Terroristen bekannt gewesen seien, sorgte für Empörung ...

WOLFFSOHN: Es gab auch vorher Warnungen aus Bagdad. Man nahm sie nicht ernst. Am Samstag flutschte der meistgesuchte, flüchtige Terrorist der französischen Polizei aus den Händen. Man fragt sich, ob da nur Stümper am Werk sind.

Was treibt solche Attentäter an, wie werden sie zu Fanatikern?

WOLFFSOHN: Wir kennen nicht nur von einigen dieser Mörder die Biografien. Es sind fast immer totale Versager, also Winzlinge. Durch den Terror fühlen sie sich ganz groß. Zumindest erstmal ernst genommen. Und ihre mörderischen Aktionen haben oft Erfolg gehabt. Der Rückzug der USA aus Afghanistan oder dem Irak, auch der Großbritanniens und Spaniens aus dem Irak wäre ohne vorherigen Terror gegen diese Staaten zumindest nicht so relativ Hals über Kopf vollzogen worden. Die Politik des Westens hat also faktisch Gewalt belohnt und Winzlinge zu Riesen gemacht.

Solche Attentäter, so jedenfalls die Terrorismus-Experten, sind weder „verrückt noch böse“, sondern kommen tendenziell aus der Mittel- oder Oberschicht ihrer Herkunftsländer ...

WOLFFSOHN: Das trifft nur auf die Terror-Anführer zu. Und auch auf Revolutionäre der Vergangenheit. Denken Sie an Lenin, Mao, Pol Pot oder Robespierre. Die benutzten die Kleinen und Verzweifelten als Kanonenfutter, also heute als Selbstmordattentäter.

Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland hinsichtlich des IS-Terrors ein?

WOLFFSOHN: Strukturell ähnlich. Wir haben aber keine staats- respektive polizeifreien Zonen wie in Frankreichs Vorstädten oder Bezirken Brüssels. Dort können Terroristen wie der Fisch im Wasser schwimmen. Das liegt daran, dass bei uns, trotz vieler Mängel, Integration doch beachtliche Erfolge erzielt hat. Immer noch zu wenig, doch weit mehr als woanders. Unsere staatsfreien Zonen sind im Osten, dort treiben Rechtsextremisten ihr Unwesen. Ich fürchte, die werden demnächst nicht nur dort verstärkt zum Terror übergehen. Dann reagieren Muslime mit Terror.

Ist Deutschland wehrhaft genug, um gegen den Terror vorzugehen?

WOLFFSOHN: Das kommt auf die Deutschen an. Die bundesdeutsche Gesellschaft ist seit 1945 sehr sympathisch und strukturell pazifistisch. Der Gewaltlose ist dem Gewalttätigen zunächst unterlegen. Das bleibt nicht so, wenn der schuldlos Angegriffene mehrfach angegriffen wird. Dann geht auch er zum Angriff über. Gewalt folgt Gegengewalt. Daher müssen unsere Sicherheitsverantwortlichen alles daransetzen, um jedweden Terror vorweg zu vereiteln. Können sie das? Ich habe da meine Zweifel.

Waren die französischen Bombenangriffe die richtige Reaktion auf den Terror von Paris?

WOLFFSOHN: Das ist Tröpfchenmedizin. Es flogen zwölf französische Jets aufs Hauptquartier des IS und warfen 20 Bomben. IS-Führer waren wohl im sicheren Bunker. Ohne Diagnose keine Therapie. Frankreich und Europa brauchen die richtige Terror-Diagnose. Die haben sie nicht. In meinem Buch „Zum Weltfrieden“ habe ich, lange vor den Pariser Anschlägen, auf diese Defizite hingewiesen und Alternativen aufgezeigt. „Unrealistisch“, sagten mir Politiker. Ich antwortete und jetzt noch mehr: Realistisch ist das reale Blutvergießen, hier und heute.

War Frankreich zu lange tolerant gegenüber radikalen Islamisten? Jetzt sollen Moscheen und radikale Vereine geschlossen werden.

WOLFFSOHN: Toleranz gehört zur freien Gesellschaft wie das Atmen zum Leben. Aber Wissen von und Wehrhaftigkeit gegen Gefahren gehören dazu. In Frankreich gibt es, noch mehr als in Deutschland, eine Tradition des Verniedlichens. Denken sie an 1939. Im September wurde als Reaktion auf Hitlers Aggression gegen Polen Deutschland der Krieg erklärt. Getan wurde nichts. Im Mai/Juni 1940 überrollte die Deutsche Wehrmacht Frankreich – und die Benelux-Staaten dazu.

Mit welchen Mitteln kann der Westen den IS-Terror beenden?

WOLFFSOHN: Nochmals: Ohne Diagnose keine Therapie. Innenpolitisch ist kluge Integration nötig, außenpolitisch muss vor allem die Staatenwelt in Nahost, besonders in Syrien und im Irak, auch Saudi Arabien und anderen Staaten, umgebaut werden. Frieden durch Föderalismus ist die Formel. Die meisten Politiker im In- und Ausland sind taub, wenn sie das Wort „Föderalismus“ hören.

Sollte auch Russland hier mit einbezogen werden?

WOLFFSOHN: Natürlich. Russland ist außenpolitisch ein Akteur. Frieden schließt man nicht mit seinen Freunden, sondern mit Gegnern oder gar Feinden – um zu überleben.

Vor dem Hintergrund des Terrorangriffs in Paris: Sollte die deutsche Flüchtlingspolitik geändert werden?

WOLFFSOHN: Unabhängig von Paris muss diese endlich so oder so gesteuert werden. Das ist derzeit nicht der Fall. Hier führt aber neuerdings Frank Jürgen Weise (Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die Red.) die Regie. Deshalb bin ich zuversichtlich, was die Organisation der Flüchtlingsströme betrifft. Politisch wird es zu Begrenzungen im wörtlichen Sinne wohl kommen. Das ist unvermeidbar. Das muss und wird, da bin ich sicher, menschlich geschehen.

Aktuelle Publikationen von Michael Wolffsohn: „Zum Weltfrieden“, DTV Premium, 216 Seiten, 14,90 Euro und „Wem gehört das Heilige Land?“, Piper Verlag, 304 Seiten, 10,99 Euro.

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