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Emotionaler Zeugenauftritt

Halit Yozgat wurde von den Neonazi-Terroristen des NSU in Kassel erschossen. Die Aussage seines Vaters vor Gericht ist eine Anklage, wie sie in der Strafprozessordnung nicht vorgesehen ist.
«Mit welchem Recht haben Sie das getan?» - Ismael Yozgat, Vater des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat. Foto: Andreas Gebert «Mit welchem Recht haben Sie das getan?» - Ismael Yozgat, Vater des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat. Foto: Andreas Gebert
München.  Schon bei den ersten Worten wird klar, dass dies keine gewöhnliche Zeugenaussage wird: «Sehr geehrter Herr Götzl, Vorsitzender des Gerichts», beginnt Ismail Yozgat. Er spricht Türkisch, der Dolmetscher neben ihm übersetzt. Und Yozgat begrüßt erst einmal alle Anwesenden im Saal, bis auf die Angeklagten: die Richter, die Vertreter der Bundesanwaltschaft, die Gerichtsmitarbeiter, die Angehörigen der Opfer und ihre Anwälte.

«Ich bin Ismail Yozgat, der Vater des 21-jährigen Halit Yozgat, des Märtyrers, der am 6. April 2006 durch zwei Schüsse erschossen wurde und in meinen Armen gestorben ist.» Der 58-Jährige hat sein Jackett abgelegt, neben ihm sitzt sein Anwalt, auf der anderen Seite der Dolmetscher. Auch Yozgats Frau ist mit an den Zeugentisch gekommen, sie sitzt hinter ihrem Mann.

«Wir befinden uns hier zwecks der Gerichtsverhandlung gegen die Angeklagten», fährt Yozgat fort, «wegen des Todes unseres Sohnes, unserer Väter, der Polizeibeamtin, die alle auch Märtyrer sind.»

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Es ist, als würde der alte Mann hier seine eigene Anklage verlesen, als würde er seinen eigenen Prozess führen in diesem Gerichtssaal, einen anderen Prozess, in dem es um den Schmerz geht, vielleicht auch um Ehre, jedenfalls nicht um die kleinteilige Anwendung strafprozessualer Vorschriften.

Doch so leicht lässt sich der Vorsitzende Richter Manfred Götzl das Heft nicht aus der Hand nehmen. Er versucht, Yozgat wieder auf den eigentlichen Weg des Prozesses zu lenken - und wenn man Götzl in diesem Prozess eine Weile erlebt hat, kann man erahnen, dass er sich wirklich sehr bemüht, behutsam mit ihm umzugehen: «Herr Yozgat, Sie sind hier auch Zeuge, und ich habe Sie gebeten, hier zu einem bestimmten Beweisthema zu berichten...»

Und Yozgat erzählt. Sein Sohn Halit betrieb ein Internetcafé in Kassel. Er, der Vater, half gelegentlich aus, wenn Halit in der Abendschule war. An jenem Tag sei er zwei oder drei Minuten zu spät gekommen, um Halit abzulösen. Da lag der 21-Jährige hinter dem Empfangstisch. Die Terroristen hatten ihm zwei Kugeln in den Kopf geschossen - und das, obwohl in einer Telefonkabine schräg gegenüber ein Kunde telefonierte, obwohl im hinteren Raum mehrere Gästen an den Computern saßen.

«Ich habe meinen Sohn in meine Arme genommen, aber er hat keine Antwort gegeben», ruft Ismail Yozgat. Dann springt er von seinem Plazt auf und wiederholt es immer wieder: «Er hat keine Antwort gegeben!» Irgendwann gelingt es seiner Frau und seinem Anwalt, ihn zu beruhigen.

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Beate Zschäpe, die als Mittäterin angeklagt ist, schaut gewohnt teilnahmslos, das Kinn auf die Hände gestützt. Sie rührt sich auch nicht, als Yozgat sie direkt anspricht: «Mit welchem Recht haben sie das getan? Warum haben sie mein Lämmchen getötet?»

Bei einem Beteiligten allerdings scheint Yozgats Auftritt doch Eindruck hinterlassen zu haben: beim Vorsitzenden Richter Manfred Götzl. Normalerweise spricht er von dem «Opfer» oder von «Herrn Yozgat». Als aber der nächste Zeuge dran ist - ein junger Mann, der auch als Gast in dem Café saß - da fragt Götzl: «Wie gut kannten Sie Halit?»
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