Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Hofheim am Taunus 23°C
1 Kommentar

Vom Ex-Außenminister zum Bundespräsidenten: Frank-Walter Steinmeier: Anker der Hoffnung

Von Die Bundesversammlung wählt Frank-Walter Steinmeier zum Staatsoberhaupt. Aber das ist nur eine der Geschichten dieser Entscheidung. Und bei weitem die berechenbarste.
Freut sich über die große Stimmenmehrheit im ersten Wahlgang: der künftige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa) Freut sich über die große Stimmenmehrheit im ersten Wahlgang: der künftige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Berlin. 

„Also, liebe Landsleute“, sagt Frank-Walter Steinmeier, „lasst uns mutig sein, dann ist mir um die Zukunft nicht bange.“ Den Plenarsaal des Reichstages erfüllt Beifall wie eine Antwort. Nur ganz rechts außen bei der AfD und auf etlichen Hinterbänken der Union liegen die Hände matt oder werden zum Kratzen von Hälsen gebraucht oder zum Bohren in Nasen. Dem eben gewählten Bundespräsidenten kann das gleich sein. Frank-Walter Steinmeier ist nicht nur im ersten Durchlauf gekürt worden; er hat die nötige Mehrheit auch um 300 Stimmen übertroffen. 931 Mal Ja. Die Parteien, die ihn nominiert haben, SPD, Union, später noch die Grünen, oder zumindest ihre Unterstützung zugesichert – die FDP – bringen es zusammen auf 1106 Wahlleute.

Frank-Walter Steinmeier (SPD). Foto: Ralf Hirschberger/Archiv
Bundespräsidentenwahl in Berlin Hessen gratuliert neuem Bundespräsidenten Steinmeier

Nach der Wahl Frank-Walter Steinmeiers zum Bundespräsidenten richten hessische Spitzenpolitiker ihre Glückwünsche aus. Doch neben den Gratulationen gibt es auch klare Erwartungen.

clearing

Rein rechnerisch ist das die ganze Geschichte. Am 18. März wird der Amtswechsel sein. Die SPD stellt dann zum dritten Mal in 68 Jahren Bundesrepublik das Staatsoberhaupt.

Indes: Diese Bundespräsidentenwahl besteht aus drei großen Geschichten – und vielen kleinen dazu. Es ist da zunächst die große Geschichte namens SPD.

Der Nüchternste

Der Sekt kann es nicht sein. So rasch wirkt kein Alkohol. Ehe die traditionelle Vorabend-Party der SPD zur Bundespräsidentenwahl überhaupt offiziell beginnt, ist bei den Sozialdemokraten schon Stimmung. Die SPD könnte auf Sekt und Wein und Bier ganz verzichten – weil sie sich an sich selbst betrinkt. Der Nüchternste ist, ausgerechnet, die Hauptperson. „Der Frank“, wie die Genossen ihn nennen, neigt nicht zu Überschwang. Seine Partei aber …

Hessische Politiker gratulieren Frank-Walter Steinmeier ...

Frank-Walter Steinmeier hat nach seiner Wahl zum neuen Bundespräsidenten zahlreiche Gratulationen aus Hessen bekommen. Ministerpräsident Volker Bouffier erklärte am Sonntag in Berlin,

clearing

Die SPD ist verzückt. Seit Martin Schulz ihr Kanzlerkandidat ist und die Umfrage-Prozente nach oben schnellen, überschwemmen die Glückshormone die Sozialdemokratie. Manchmal auch deren Gehirne. „Wir freuen uns auf den neuen sozialdemokratischen Schlossherrn“, hat der Berliner Landesverband am Samstag getwittert – und damit auch Steinmeiers Unterstützer aufgebracht. „Irgendwie krass geschmacklos“, kommentiert der Grüne Konstantin von Notz. Die Unionisten sind erst recht nicht amüsiert. Nach ein paar Stunden entschuldigen sich die Berliner.

Für die Unionisten ist das zu spät. Wie noch manches andere. Die Unionisten sind die zweite große Geschichte. Sie ziehen am Sonntag zur Wahl wie in eine viel zu früh und ohne Not verloren gegebene Schlacht. „Keine taktische Meisterleistung“ nennt Elmar Brok, der Europa-Außenpolitiker, Merkels Ja zu Steinmeier nach Sigmar Gabriels Druck. Aber das liegt Monate zurück. Nun ist es, als hätte der Boom der SPD Christdemokraten und -soziale aus einer Art Betäubung geweckt, als begriffen sie jetzt erst, was da geschieht und was es bedeutet.

SPD-Wahlmann Claus Wisser
„Ein Tag der Freude, den wir gemeinsam feiern“

Der Frankfurter Unternehmer Claus Wisser war hautnah dabei, als Frank-Walter Steinmeier gestern zum zwölften Präsidenten der Bundesrepublik gewählt wurde.

clearing

Die Fraktionssitzung am Samstagnachmittag zeigt die Unionisten ohne Orientierung – dafür aber im Aufruhr gegen die Kanzlerin. „Armselig“ nennt der einstige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein anderntags das Treffen. Steinmeier wird in eine Befragung genötigt, als wäre die Unterstützungs-Entscheidung noch irgendwie zu revidieren; Wolfgang Schäuble kommt zu spät, was man als Missachtung verstehen muss – und soll. Und ein paar Unionisten kündigen öffentlich Stimmentzug für Steinmeier an. Hessens früherer Ministerpräsident Roland Koch will die Sitzung am Sonntag nicht kommentieren; der CSU-Mittelständler Hans Michelbach sagt: „Wenn man eine Truppe nicht motivieren kann, macht sie, was sie will.“

Am Samstagabend, zunächst, trifft sich auch die Union und nennt das „Abendveranstaltung“. Die Stimmung im Hotel Maritim ist mäßig bis mies; anderentags sagt CSU-Mann Beckstein: „Eigentlich macht man so etwas zu einem Fest …“

Schwofen mit Kaiser

Bei der SPD ist es eines, vielleicht sogar mehr. „Es war“, sagt Heike Carstensen, eine Ersatzdelegierte von der Basis aus Mecklenburg-Vorpommern, „in den letzten Jahren nicht einfach, SPD-Mitglied zu sein.“ An diesem Abend aber ist es ein Rausch. Ein kleiner. Nachts um elf singt Roland Kaiser „Ich glaub’, es geht schon wieder los“ – und die SPD schwoft und wirft die roten Tulpen aus der Tischdekoration auf die Bühne – und träumt davon, dass Martin Schulz wirklich schafft, was er eben versprochen hat: „Am 24. September bin ich Bundeskanzler.“

Am 12. Februar um zwölf beginnt eine Bundesversammlung, die vielleicht die politischste ist seit der Wahl Gustav Heinemanns 1969. Das war nicht abzusehen. Und ist die dritte große Geschichte – und hinter ihr verschwinden die vielen kleinen, bunten, hübschen Geschichtchen wie die der Drag-Queen Olivia Jones in den Reihen der Grünen, deren hochtoupierte Haare dasselbe Schrei-Orange haben wie die Jacke der FDP-Generalsekretärin Nicola Beer und die über Steinmeier sagt: „Das ist ein erfahrener Mann – aber der muss sich schon noch’n bisschen locker machen.“

Klaus Späne
Kommentar: Der Mutmacher

Natürlich ist es ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen, sowohl was Machtfülle als auch Persönlichkeit der Protagonisten betrifft. Andererseits ist eine Gegenüberstellung der Kernaussagen in den

clearing

Aber die Zeit schreit gerade nicht nach Lockerheit; sie ruft in einem fort „kompliziert!“ und „schwierig!“. Davon handelt die Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert – und weil er sagt, was er sagt, liefert die Bundesversammlung auch gleich den Beweis. Lammert spricht, unter anderem, von der Entscheidung zwischen „Abschottung“ und „Weltoffenheit“ und mahnt, wer „zum Programm erklärt: Wir zuerst!, darf sich nicht wundern, wenn es ihm andere gleichtun – mit allen fatalen Nebenwirkungen, die uns aus dem 20. Jahrhundert bekannt sind“. Von ganz links bis fast ganz rechts erheben sich da zugleich die Bundesversammlung und rauschender Beifall – nur die AfD sitzt und rührt keine Hand.

Lammerts Plädoyer für „den demokratischen Grundkonsens“ ist ebenso fulminant wie rhetorisch funkelnd. Was bleibe da dem neuen Staatsoberhaupt noch zu sagen?, mäkeln manche – und da berührt die Wahl-Geschichte die der Union, denn als Lammert Bundespräsident werden wollte, wollte Merkel lieber Christian Wulff.

Worte Heinemanns

Es bleibt Frank-Walter Steinmeier, Sätze zu sagen, die Lammert ergänzen und bestätigen – aber ein bisschen weniger brillieren und dafür ein bisschen mehr berühren. Er nennt Deutschland mit den Worten seines Vorgängers Gustav Heinemann „unser schwieriges Vaterland“. Und mit seinen eigenen einen „Anker der Hoffnung“ für viele in der Welt. „Weil wir gezeigt haben, dass es besser werden kann.“

Und es berühren sich, in diesen Worten von der Hoffnung und vom Besserwerden, die drei großen Geschichten dieser Wahl. Und niemand weiß, wie sie ausgehen werden.

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse