E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Hofheim am Taunus 27°C

TV-Kritik: „Die Musik stirbt zuletzt“: Die Logik stirbt viel früher

Von Technisch hui, inhaltlich hm: Weswegen der Auftakt zur neuen „Tatort“-Saison trotz glanzvoller Umsetzung nicht überzeugen kann.
Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) und Dirigent Gidon Winternitz (Gottfried Breitfuss) haben mit Walter Loving (Hans Hollmann) noch eine Rechnung offen. Foto: (ARD Degeto/Programmplanung und P) Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) und Dirigent Gidon Winternitz (Gottfried Breitfuss) haben mit Walter Loving (Hans Hollmann) noch eine Rechnung offen.

Ja, es ist mal wieder ein „Tatort“ geworden, über den sich nicht wenige Zuschauer aufregen werden. Einer von den Experimentellen nämlich, einer wie „Meta“ oder „Wer bin ich?“. Das Besondere diesmal: „Die Musik stirbt zuletzt“ wurde als erster Sonntagskrimi in einer einzigen Kameraeinstellung aufgenommen, ohne jeden Schnitt. Und man muss Filip Zumbrunn auf jeden Fall eine herausragende Arbeit attestieren: Tatsächlich lohnt dieser „Tatort“ allein schon wegen Zumbrunns famoser Kamera das Ansehen.

Film verpasst? Hier geht es zur Mediathek!

Dass ein Krimi in Realzeit spielt und ein handelnder Charakter im Krimi die vierte Wand durchbricht und wie hier Franky Loving (Andri Schenardi) direkt zum Zuschauer spricht, gab es im „Tatort“ dagegen schon öfter. Es beginnt vor dem Luzerner Kultur- und Kongresszentrum: Drinnen will das Jewish Chamber Orchestra aus Argentinien Stücke von jüdischen Komponisten aufführen, die im Holocaust ermordet wurden. Eine pompöse Sache, die gewaltig Eintrittsgeld kostet. Währenddessen erinnern draußen wütende Demonstranten an Israels Politik in Palästina.

Ein bizarrer Gastgeber

Aber auch drinnen herrscht dicke Luft. Der greise und millionenschwere Mäzen Walter Loving (Hans Hollmann), der das Konzert veranstaltet, scheint ein Partiarch vom alten Schlag zu sein. Sein Sohn scheint in kaltem Krieg mit ihm zu leben, das Auftauchen seiner Ex-Frau Alice Loving-Orelli (Sibylle Canonica) verspricht auch möglichen Ärger.  Und dann ist da noch die viele Jahrzehnte jüngere  Jelena Princip (Uygar Tamer), der Loving vor versammelter Mannschaft der hochrangigen Gäste einen Heiratsantrag macht. Was einiges Kopfschütteln hervorruft.

Unterdessen erhält die Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) via Handy unverhohlene Drohungen. Und tatsächlich torkelt bald darauf ihr Bruder Vincent (Patrick Elias), der als Klarinettist ebenfalls im Orchester mitspielt, aus dem Konzert hinaus und bricht zusammen. Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer), gerade vor Ort, beginnt noch im Abendkleid zu ermitteln. . Bald gesellt sich auch ihr Kollege Reto Flückiger dazu.

Fußballdress und Abendkleid

Dass Flückiger mitten aus einem Fußballspiel gerissen wurde und neben seiner feierlich elegant gekleideten Kollegin im Fußballdress ermittelt, könnte für einen Lacher sorgen. Das Detail zeigt allerdings auch auf, dass Regisseur Dani Levy – der zusammen mit Stefan Brunner und Lorenz Langenegger auch das Drehbuch verfasste – keinen sonderlich hohen Wert auf die Schlüssigkeit der Geschichte gelegt hat: Ein Kommissar auf Abruf besucht kein Fußballspiel, Punkt.

Logiklöcher dieser unnötigen Art gibt es noch einige mehr. Wobei sie im Einzelnen am Anfang gar nicht mal so sehr ins Gewicht fallen. Man bewundert vielmehr die ausgeklügelte Choreographie der Figuren, die zusammen mit Zumbrunns Kamera einen Bewegungsfilm von nahezu einzigartiger Qualität ergeben. Levy hat es zudem glänzend verstanden, die Geschichte nahezu durchgehend unter Volldampf zu halten: Sie enthält sogar eine kleine Verfolgungsjagd.

Wie der Film sich selbst ein Bein stellt

„Die Musik stirbt zuletzt“ will auch anders als der restlos überkandidelte „Im Schmerz geboren“ nicht mit aller Gewalt große Oper, sondern eher ein dreckiger kleiner Thriller sein. Phasenweise gelingt ihm das tatsächlich recht gut, wobei besonders Andri Schenardi als psychopatischer Sohn wunderbar zur Geltung kommt. Dumm nur, das Levy einfach zu viel auf einmal wollte. Dass Schenardi in seiner Rolle immer wieder zum Publikum spricht, torpediert das auf Dichte und Tempo angelegte Konzept des Films doch merklich.

Weswegen die Logikfehler und die vielen wenig stimmigen Details der Geschichte sich denn auch immer mehr zum Störfaktor entwickeln. Einige Wendungen hinterlassen große Fragezeichen, und das Interesse an den Figuren nimmt dadurch spürbar ab. Rein technisch ist der Auftakt zur „Tatort“-Saison zwar ein Meisterstück. Zu einem echten Volltreffer fehlt aber inhaltlich doch gewaltig der Feinschliff, und bei Franky hätte jemand Levy einfach bremsen müssen.

Zur Startseite Mehr aus TV-Kritik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen