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TV-Kritik: "Im Kaufrausch": Kennen auch Sie einen Kaufsüchtigen?

Von Wenn der Kick des Geldausgebens zum Lebensinhalt wird: Betroffene geraten oft in einen Teufelskreis aus Schulden und Kriminalität.
Sonja kann sich nicht zügeln, wenn sie etwas Reizvolles im Katalog gesehen hat. Diese Schuhe musste sie haben, obwohl ihr Kleiderschrank aus allen Nähten platzt. Bild: ZDF und Florian Hellwig Foto: Florian Hellwig Sonja kann sich nicht zügeln, wenn sie etwas Reizvolles im Katalog gesehen hat. Diese Schuhe musste sie haben, obwohl ihr Kleiderschrank aus allen Nähten platzt. Bild: ZDF und Florian Hellwig

Die Warenwelt, zum Schauen freigegeben, zeigt sich bunt und verlockend. Für Kaufsüchtige zu sehr: Sie können nicht nein sagen, müssen Dinge kaufen, egal, ob sie das Erstandene benötigen oder nicht. Oft gleichen ihre Wohnungen oder Kleiderschränke einem Warenlager. Die gesellschaftlichen Bedingungen sind dem Kaufzwang förderlich: Der Frustkauf gegen schlechte Laune ist schließlich gesellschaftlich akzeptiert wie das Glas Wein in geselliger Runde.

Aber Kaufsüchtige gehen ähnlich wie Alkoholiker weit über dieses akzeptierte Maß hinaus. Und wie der Alkoholiker die Ernüchterung nach einem Vollrausch schmerzhaft erlebt, schlagen auch Kaufsüchtige qualvoll in der Realität auf, wenn man ihnen auf die Schliche kommt. Ihnen drohen finanzieller Ruin, Schuldenberge und im schlimmsten Fall Gefängnis: Kaufsüchtige gleiten wie Drogenabhängige oft in die Kriminalität ab, um ihre Sucht zu befriedigen.

Eine Million Euro ergaunert

So wie Jürgen. Der 57-jährige erscheint alles andere als ausgeflippt. Aber zuhause hängen Hemden in und stehen Schuhe allen Farben dutzendweise im Schrank. Unzählige Jacken und Anzüge hängen auf einem Rundständer wie in einem Modehaus. Bis vor einem Jahr gab er manchmal mehrere 1000 Euro für Kleidung aus – am Tag. Dazu leistete er sich hochwertige Möbel und teure Autos. Bald verlor er, was einen normalen Käufer vom Kaufsüchtigen unterscheidet: die Kontrolle über seine Ausgaben.

Als sein Einkommen als verbeamteter IT-Fachmann nicht mehr ausreichte, erschlich er sich mit gefälschten Rechnungen bei seiner Beamtenbeihilfe über einen Zeitraum von fünf Jahren rund eine Million Euro. Er wirkt hilflos und spricht mit farbloser Stimme, als er an einem mit Papieren bedeckten Tisch sitzt und vor laufender Kamera von seinem Betrug spricht. Vor einem Jahr flog er auf, es kam zur Anklage. Sein Leben verwandelte sich in einem Scherbenhaufen.

Die Kaufhandlung wird zur Sucht

Sein Haus soll zwangsversteigert werden. Mit einem Rechtsanwalt muss er sich jetzt auf einen schmerzhaften und peinlichen Prozess vorbereiten. Ein Teil seiner Familie hat sich von ihm abgewandt. Außer Jürgen stellt die Sendung noch zwei Frauen vor: Katinka (28) und Sonja (55). Katinka hat Schulden in Höhe von etwa 15-20.000 Euro. Wofür hat sie so viel Geld ausgegeben? Am liebsten für ihre kleine Tochter.

Ihre Mutter wirft ihr vor, das Kind vorzuschieben, um ihre Kaufsucht zu befriedigen. Sie kauft viel, was ihre Tochter noch gar nicht benötigt: Dutzende Hemdchen und Hosen oder gleich zehn Haarbänder, obwohl auf dem Kopf ihres Kindes erst ein zarter Flaum wächst. Sie beschreibt wie auch Sonja einen gewissen inneren Druck, der durch das Kaufverhalten abgebaut wird. Ein Druck mit bizarren Folgen: Als die Macher der Dokumentation Jürgen bei einem Gang in ein Modehaus begleiten, steht ihm der Schweiß auf der Stirn wie einem Junkie.

Ein Thema für die beste Sendezeit

Selbst in tiefroten Zahlen ist der Kaufdruck ungebrochen. Die "37°"-Sendung gibt einen Eindruck von der psychischen Erkrankung und ihren Folgen, der aber schon durch die kurze Laufzeit von nur knapp einer halben Stunde nur oberflächlich bleibt. So hätte ein ausdrücklicher Hinweis darauf nicht geschadet, dass es Kaufsüchtigen im Prinzip nicht um die Ware geht, sondern um den Kaufmoment an sich.

Nur am Rande stellt die Sendung Nadja Tahmassebi vor, die Leitende Psychologin der Salus-Klinik in Friedrichdorf. Angesichts der Brisanz für die Betroffenen und der Anzahl – rund fünf Prozent gelten als kaufsüchtig - sollte dieses Problem eine weit umfangreichere  Darstellung zur besten Sendezeit erfahren.

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