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TV-Kritik: "Königin der Nacht": Sadomaso-Spiel mit tragischen Verlierern

Von Eine Bäuerin prostituiert sich, um den Hof ihres Mannes zu retten. Dieser hervorragende Film entwickelt daraus ein Erotik-Drama von schillernder Vieldeutigkeit.
Inge (Silke Bodenbender) macht sich für den Job als Prostituierte bereit. Was genau fühlt ihr Mann Ludwig (Peter Schneider) dabei wirklich? Foto: (SWR-Pressestelle/Fotoredaktion) Inge (Silke Bodenbender) macht sich für den Job als Prostituierte bereit. Was genau fühlt ihr Mann Ludwig (Peter Schneider) dabei wirklich?
Es ist ein teuflisches Spiel, worauf sich Biobäuerin Inga Scholz (Silke Bodenbender) und ihr Mann Ehemann Ludwig einlassen. Er ist dabei, seinen Traum wahrzumachen: ein Bio-Bauernhof, eine autarke Existenz, die noch dazu genug Geld zum Leben abwirft. Aber der Traum hat sich zum Alptraum entwickelt, das Paar und seine beiden Kinder werden von Schulden erdrückt. Da fängt Inga an, in einer Bar mit leicht verruchtem Ambiente als Kellnerin zu arbeiten. Leicht verdientes Geld, aber es reicht nicht. Da bringt eine Kollegin sie auf eine verhängnisvolle Idee.
 
Silke sieht schließlich gut aus, sie wirkt auf Männer. Und das setzt sie jetzt professionell um und bietet sich mit Ludwigs Einverständnis in einem Escort-Service an. Mit anderen Worten: Sie arbeitet als professionelle Prostituierte. Natürlich nur vorrübergehend, reden die beiden sich ein. Der Kontrast könnte nicht größer sein, und der Film findet die passenden Sequenzen dafür:: Als Bäuerin zerrt Inga Babykälber aus der Mutter, wischt Kühen mit Stroh den Hintern ab, legt Käse in Lauge ein und lässt mit einem geduldigen Lächeln die anzüglichen Komplimente eines alten Kunden über sich ergehen.
 

Prostitution als Schritt in die Emanzipation

 
Als Prostituierte dagegen nennt sie sich schließlich Lilith, nach jener ersten Frau Adams aus der altmesopotamischen Mythologie, die sich Adams Einfluss im Paradies entzieht und zur Urmutter der Emanzipation avancierte. Das Urbild eines Vamps und einer Femme fatale. Was Ludwig jedoch zunehmend frustriert: Denn für ihn und seinen Traum vom Leben als Landwirt bringt seine Frau dieses Opfer. Und was noch viel Schlimmer ist, sie könnte auch noch Vergnügen dabei empfinden. Denn hier kommt sie mit Männern zusammen, die die große Welt mit Macht und Geld verkörpern.
 
Man könnte auch sagen: Die es geschafft haben – im Gegensatz zu ihm. Dieser Film erzählt ein höchst spannendes und vielschichtiges Drama. Und verzichtet trotz des erschütternden Endes auf eine Moral der Geschichte; die herauszufinden überlässt er dankenswerterweise dem Zuschauer. Es verwundert nämlich schon, wie schnell und mühelos Ludwig sein Einverständnis gibt, als Inga bei ihm erstmals vorfühlt, wie er zu ihrer möglichen Arbeit als Edelnutte steht. Und als später Harry Prinz (Oliver Wernicke), ein Kunde, der sich in Inga verliebt hat, als Investor auf ihrem Hof einsteigen will.

 
Was fühlt der gedemütigte Ehemann wirklich?

 
Schon zuvor, wenn Ludwig in einer besonders grotesken Szene in einer teuren Hotelsuite mit dem Geld, das sie zuerst mit ihrem Körper verdient hat, ihr als Kunde gegenüber steht, verdichtet sich der Verdacht: Die Situation könnte kaum demütigender für ihn sein, er verhökert seine Frau für seinen Traum vom Hof wie eine seiner Kühe. Aber eventuell genießt Ludwig das Ganze gerade deshalb auch ein wenig – so wie Inga den Champagner, den Luxus und die Aufmerksamkeiten der Kunden. Eine sadomasochistische Konstellation, die eines Dostojewski würdig gewesen wäre.
 
Aber zugleich ein Spiel, das am Ende nur Verlierer kennt. Dazu zählt auch Harry, der sich alles leisten kann – sogar Gefühle wie Eifersucht. Und der am Ende ausgerechnet mit viel Geld und einem kostbaren Geschenk versucht, für sich selbst vergessen zu machen, dass es Inga nur um sein Geld geht und es nur ein bezahlter Job ist, was Inga ihm gewährt. Dass sie eine Prostituierte ist und auch er mit seinem Geld diese Frau dazu gemacht hat. Wenn er sie brutal aus seinem Hotelzimmer wirft, hat das auch mit der Vertreibung aus dem Paradies zu tun: nicht umsonst trägt die Bar, in der Inga anfangs bedient, diesen Namen.
 

Am Ende die Hölle

 
Im Paradies gab es (Bio-) Äpfel wie auf dem Hof der Scholz-Familie, aber auch verbotene Früchte. Und dann wartet man als Zuschauer nur noch mit angehaltenem Atem, dass sich das heimische Paradies, der Traum vom Leben als Biobauer endgültig in eine Hölle verwandeln wird. Gespielt ist das von allen Beteiligten vorzüglich. Regisseurin Emily Atef erzählt die Geschichte mit fast dokumentarischer Nüchternheit, konzentriert sich auf die Zweier- und später Dreierbeziehung und ist ehrlich genug, die schlüpfrigen Aspekte der Geschichte nicht völlig zu ignorieren. Ihr Bruder Cyril Atef komponierte dazu die Filmmusik.
 
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