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TV-Kritik: „Tschiller – Off Duty“: Gut – besser – Tschiller!

Von Til Schweigers fünfter Einsatz als Nick Tschiller geht in die Vollen: Was die Macher hier abliefern, begeistert bis zur letzten Minute.
Nick Tschiller (Til Schweiger) in einer Szene des "Tatort - Tschiller - Off Duty". Foto: Nik Konietzy (NDR/Warner Bros./ARD) Nick Tschiller (Til Schweiger) in einer Szene des "Tatort - Tschiller - Off Duty".

Seit Til Schweiger alias Nick Tschiller beim „Tatort“ mitmischt, bekommt der Sonntagabendkrimi eine Extradosis Adrenalin verpasst. „Fegefeuer“, ausgestrahlt im Januar 2016, legte die Messlatte besonders hoch: Einen so rasanten und actionreichen Krimi hatte es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zuvor noch nicht gegeben. Was es für Christoph Darnstädt (Drehbuch) und Christian Alvart (Regie)natürlich nicht einfach machte, das Gebotene in der Kino-Fortsetzung noch zu steigern.

Um es gleich zu sagen: Es gelang im Prinzip hervorragend. Nach seinem Alleingang  in „Fegefeuer“ sieht sich Tschiller erstmal außer Dienst gesetzt. Zeit zum Verschnaufen? Natürlich nicht! Wie der Vater, so Tochter Leonora, genannt „Lenny“ (Luna Schweiger): Klammheimlich macht sie sich auf den Weg nach Istanbul, um ihre Mutter zu rächen. Der kurdische Gangsterboss Firat Astan (Erdal Yildiz) hatte Tschillers Exfrau Isabella im dritten Tschiller-Krimi „Der große Schmerz“ erschossen.

Dieser Gegner hat es in sich

Astan wurde an die türkische Justiz ausgeliefert, konnte aber aus dem Knast fliehen. In einem heruntergekommenen Hotel trifft Leonora auf den Mörder ihrer Mutter. Aber sie muss feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, jemanden kaltblütig zu töten. Was Astan umgehend ausnutzt. Und dabei für das Mädchen sogar einen Hauch Mitgefühl zeigen darf. Die ambivalente Art, mit der sich Astan in der Tschiller-Reihe präsentierte, war stets eine Stärke der Schweiger-Filme.

Tatort verpasst? Hier geht es zur Mediathek

Aber im Kino darf natürlich alles ein paar Nummern größer ausfallen. Und als Tschiller, dessen Kollege Yalcin Gümer (Fahri Yardim) Leonoras Handy-Nummer in der Türkei geortet hat, nach Istanbul jettet, um seine Tochter heimzuholen, merkt er bald: Diesmal hat er es mit einem Gegner zu tun, gegen den Firat Astan ein höchst angenehmer Zeitgenosse war.  Und der seine Tochter nicht nur entführt hat, sondern das naive Mädchen zu einem höchst hinterhältigen Plan benutzen will.

Jede Menge böser Ideen

Von Hitchcock stammt der bekannte Satz, dass ein Thriller immer nur so gut sein kann wie sein Bösewicht. Schon von daher macht „Tschiller – Off Duty“ eigentlich alles richtig. Dazu kommt: Wieder und wieder führt die Geschichte nicht nur Tschiller, sondern auch den Zuschauer mit unerwarteten Wendungen an der Nase herum. Und tritt das Gaspedal dabei immer noch ein bisschen weiter durch. Die Türkei-Episode macht schon allein viel Spaß, besonders Tschillers Gefängnisaufenthalt.

Aber sobald sich die Handlung nach Moskau verlagert, wird es tatsächlich noch wilder. Der „Tatort“ entwickelt sich immer mehr zu einer knalligen Jagd durch einen halben Kontinent, wo ohne Unterlass die Fäuste fliegen, die Kugeln pfeifen und die Autoreifen quietschen. Anleihen bei James Bond und Hollywoods Buddy-Film bereiten dabei großes Vergnügen, zumal das Drehbuch diese Zutaten gekonnt neu zusammensetzt. Und dank Fahri Yardim auch der Humor funktioniert.

Kam „Tschiller – Off Duty“ einfach zu früh?

Wie schon schon bei „Fegefeuer“ wundert man sich, was die Macher aus dem gemessen an US-Actionfilmen eher bescheidenen Budget herausgeholt haben. Dieser Film sieht nach mindestens 30 Millionen Dollar aus. Genau die Sorte Film also, die eigentlich im Prinzip auch an der Kinokasse einschlagen sollte. Doch da entwickelte sich „Tschiller – Off Duty“ zu einer handfesten Enttäuschung.

Warum nur? Über die Gründe kann man natürlich nur spekulieren. Der erste speziell fürs Kino gedrehte „Tatort“-Beitrag überhaupt, „Zahn um Zahn“ mit dem unvergessenen Götz George als Horst Schimanski, schnitt im Jahr 1985 um Längen besser ab. Freilich war „Schimmi“ damals schon wesentlich häufiger über den Bildschirm geflimmert und damit in der öffentlichen Wahrnehmung weit präsenter als Tschiller und Gümer.

Mit elf „Tatort“-Krimis im Fernsehen war Raubauz Schimanski längst fest verankert, als „Zahn um Zahn“ in die Kinos kam. Tschiller kam vor seinem Kinofilm auf nur vier Filme, und das spricht schon sehr dafür, dass es einfach noch zu früh war, die Figur auf die große Leinwand zu bringen.  Etwas mehr Geduld, um Tschiller besser zu etablieren, hätte sich hier bestimmt ausgezahlt. Zumal die Fans gut gemachter US-Actionware im „Tatort“ ohnehin nur selten was Gescheites geboten bekommen.

Was gefehlt hat

Dazu kommt, dass der Schweiger-Film verglichen mit „Zahn um Zahn“ eine Schwäche offenbart: Es fehlt einfach an einem richtig markanten Filmsong. „Faust auf Faust“ aus „Zahn um Zahn“ von Klaus Lage, das sich auch im Text auf Schimanski bezieht, hatte es in den achtziger Jahren sogar in die Hitparade geschafft. So bleibt dennoch ein prächtiger Actionknaller und eine Träne für Erdal Yildiz: Einen so überzeugenden Fiesling gab es im Sonntagskrimi nur selten. 

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