Virtueller Hörsaal: Online-Seminare werden populärer

BWL oder Jura - für viele Fächer gibt es Online-Seminare. Jeder kann an den Massive Open Online Courses teilnehmen. Vorreiter sind amerikanische Unis. Nun hat die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ihre erste Online-Vorlesung ins Netz gestellt.
Lernen auf dem Sofa: Zu fast jedem Thema gibt es im Internet inzwischen kostenlose Vorlesungen im Netz. Foto: Monique Wüstenhagen Lernen auf dem Sofa: Zu fast jedem Thema gibt es im Internet inzwischen kostenlose Vorlesungen im Netz. Foto: Monique Wüstenhagen
New York. 

Um eine Vorlesung an der Uni zu besuchen, muss heute niemand mehr die heimische Couch verlassen. Ein paar Mausklicks reichen aus, um im Netz an einer Lehrveranstaltung teilzunehmen. Immer mehr amerikanische Hochschulen stellen Online-Seminare gratis ins Internet. Von Mathe bis zu Philosophie ist für fast jeden etwas dabei. Das Tolle daran: Die sogenannten Massive Open Online Courses (kurz: Mooc) sind kostenlos - und zugänglich für jedermann. Auch von deutschen Hochschulen gibt es inzwischen erste Angebote.

Rund 400 verschiedene Moocs finden Surfer allein auf der E-Learning-Plattform Coursera der Stanford University . Rund 80 Partner - darunter Eliteuniversitäten wie Princeton University - stellen Kurse ein. Die meisten sind auf Englisch. Doch mit der «Einführung in Computer Vision» der Technischen Universität München startet im Sommer auch eine erste Lehrveranstaltung auf Deutsch.

Nun hat auch die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) hat ihre erste Online-Vorlesung ins Netz gestellt. Dem Kurs aus der Betriebswirtschaftlehre sollen bald drei weitere Vorlesungen aus der Zellbiologie, der mathematischen Philosophie und der Vulkanologie folgen, wie die LMU am Montag (1. Juli) mitteilte.

Die kostenlosen Angebote, die aus Videovorlesungen und

interaktiven Übungen bestehen, sollen Interessierte auf der ganzen Welt ansprechen. Fast 120 000 Menschen haben sich für die vier Kurse registriert.

Wer schon immer etwas über Systembiologie wissen wollte, kann den Kurs von Ravi Iyengar von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York besuchen. Nach wenigen Klicks für die Registrierung können Hobby-Biologen bereits die erste Lerneinheit starten. Dann geht es 13 Minuten lang um Moleküle und ihre Interaktionen im Körper.

Ganz neu sind Online-Vorlesungen zwar nicht. Auch bisher gab es bereits Professoren, die ihre Lehrveranstaltungen an der Uni abfilmten und ins Netz stellten. Neu an den Moocs ist, dass sie speziell fürs Netz keierte Lehrveranstaltungen sind - mit kurzen Videos, anschließenden Tests und Diskussionsforen. Vom Aufbau her ähneln Mooc den Lehrveranstaltungen herkömmlicher Unis. Sie beginnen an einem bestimmten Datum, es gibt Hausaufgaben und sogar Abgabetermine. Unterschiede zur realen Uni gebe es vor allem in der Präsentation der Inhalte, erklärt Christopher Buschow vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover. Im Netz sind eher kürzere Lerneinheiten von zehn bis fünfzehn Minuten attraktiv. Anderthalb Stunden lange Vorlesungen hält vor dem Rechner kaum jemand durch.

Ort und Zeit kann sich jeder Teilnehmer bei den Mooc frei einteilen. Der Aufwand ähnelt dabei normalen Unikursen. Durchschnittlich drei bis vier Wochenstunden veranschlagt Coursera als Arbeitsaufwand für einen Mooc.

In Deutschland steht man noch ganz am Anfang der Entwicklung. Bisher gibt es nur vereinzelte Experimente mit Moocs. Der erste Onlinekurs an der Universität Hildesheim fand im Januar statt und trug den Titel «Datenschutz bei Facebook & Co». «Wir wollten dabei die Netznutzer für das Thema Datenschutz sensibilisieren», erklärt Joachim Griesbaum, Professor für Informationswissenschaft. Insgesamt haben sich für den dreiwöchigen Kurs über 600 Nutzer aus verschiedenen Ländern angemeldet.

Die offene Massenlehre bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich. «Die Dozenten müssen sich stärker Gedanken, um die Attraktivität der Inhalte und ihrer Vermittlung machen», sagt der Kommunikationswissenschaftler Buschow. Während Professoren früher eine Grundlagenvorlesung 20 Jahre fast ohne Qualitätskontrolle halten konnten, ist das bei einem Mooc kaum möglich. Hier gibt es schnell Feedback im Netz.

Eine Plattform deutscher Hochschulen fehlt bisher. Das Berliner Startup Iversity arbeitet zumindest an einem Konzept. An eine Zukunft für Mooc in Deutschland glaubt Gründer Hannes Klöpper trotzdem. Als Indiz dafür wertet er über die 250 Bewerbungen um das in Kooperation mit dem Stifterverband ausgeschriebene Mooc Production Fellowship. Mit insgesamt 250 000 Euro Preisgeld sollen zehn Onlinekurse in den nächsten neun Monaten realisiert werden.

(Von Birk Grüling, dpa)
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