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So profitiert Hessen von der EU

Von Die Europäische Union investiert Milliarden in die Infrastruktur ihrer Mitgliedsstaaten. Doch entgegen der landläufigen Meinung profitieren nicht nur arme Regionen im Süden und Osten Europas vom Geldsegen der EU – auch in Hessen investiert die Union kräftig in soziale Projekte, Forschungsvorhaben und die wirtschaftliche Stärkung des ländlichen Raums. Wir begeben uns auf eine beispielhafte Rundreise durch das Rhein-Main-Gebiet.
Mit dem Smartphone auf Entdeckertour entlang der Gersprenz: Hannes Werner-Busse freut sich über die großzügige EU-Förderung.
Frankfurt. 

Die Reise beginnt in Offenbach, der Stadt, in der deutschlandweit am meisten Menschen mit Migrationshintergrund leben: 2011 betrug der Ausländeranteil 54,3 Prozent. Der von der Bonner Regionalvertretung der EU-Kommission gecharterte Reisebus setzt uns nach kurzer Fahrt vor einem schmucklosen Bürokomplex in der Offenbacher Herrnstraße ab. Im Innern treffen wir auf ein gutes Dutzend Migrantinnen, die sich nichts sehnlicher wünschen als einen festen Job und gesellschaftliche Teilhabe.

Eine von ihnen ist Mahnaz Koschnitzke. Die 49-jährige Iranerin kam vor sieben Jahren nach Deutschland, weil ihr nach ihrer Scheidung das Leben im Iran zur Hölle gemacht wurde. Ihre beiden Söhne musste sie zurücklassen. „Ich betreue seit vier Jahren alte Menschen. Seit einem Jahr mache ich die Ausbildung zur Altenpflegehelferin“, sagt die Iranerin, die in ihrer Heimat 14 Jahre zur Schule ging und zwei Jahre studierte. Doch da ihre Hochschulreife in Deutschland nicht anerkannt wird, verfügt Koschnitzke lediglich über einen Hauptschulabschluss. Vor der körperlich anstrengenden Arbeit mit alten Menschen ist ihr nicht bange. Stolz erzählt sie von ihrer Arbeit und ihrer Tochter, die nach Europa mitkam und inzwischen Molekularmedizin in Wien studiert.

 

Ein beschwerlicher Weg

 

Um Frauen wie Mahnaz Koschnitzke zu helfen, startete im November 2012 das Projekt Be A, die Kurzform von „Berufseinsteigerinnen in die Altenpflege“. Bis Dezember 2014 unterstützt der Europäische Sozialfonds (ESF) das Projekt mit 60 000 Euro. Das Land Hessen steuert 45 000 Euro bei, die Stadt Offenbach weitere 26 000 Euro. „2013 haben die ersten 19 Frauen eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin oder zur examinierten Altenpflegerin begonnen“, sagt Projektleiterin Narges Yelanghi. Sie ist sehr stolz auf „ihre“ Frauen und darauf, dass lediglich zwei der 19 Frauen ihre Ausbildung aus familiären Gründen abbrachen.

 

Wo der Biber wieder nagt

 

Die nächste Station unserer Reise ist der Hergershäuser Landgasthof Langfeldsmühle im Landkreis Darmstadt-Dieburg. In die ländliche Idylle im Norden des Odenwalds verirrt sich kaum ein Tourist. Dafür ist der Biber nach 150 Jahren Abwesenheit wieder zurückgekehrt und fühlt sich entlang des Flüsschens Gersprenz pudelwohl.

„Dies ist keine klassische touristische Region, sondern eher ein Naherholungsgebiet“, erläutert Regionalmanager Hannes Werner-Busse. Um mehr Lebensqualität in die Region zu bringen, wurde die Gersprenz von den EU-Geldern teilweise renaturiert und mit einem Radweg versehen. Im März 2009 erhielt der Landkreis den Zuschlag für ein EU-Projekt, mit dem die Wirtschaft in ländlichen Räumen angekurbelt werden soll. Bis Dezember 2013 stellte die EU bis zu 349 000 Euro an Fördergeldern bereit. 200 000 Euro wurden bisher abgerufen. Mit diesem Geld richtete der Landkreis entlang der Gersprenz einen 51 Kilometer langes „Wassererlebnisband“ ein.

Entlang des sich durch den Landkreis schlängelnden Flusses wurden zudem 80 Erlebnispunkte eingerichtet. An 45 Stationen können Wanderer oder Radfahrer nun mit ihrem Smartphone dreiminütige Einspieler abrufen, die über die Geschichte der Region und deren Mühlentradition informieren.

Auch Thomas Winter, der Chef des Landgasthofs Langfeldsmühle, profitierte vom Förderprogramm der EU. Bevor er seinen Gasthof vor einem Jahr eröffnete, steckte er rund 120 000 Euro in die Sanierung der alten Wassermühle. Die EU bezuschusste die Sanierung mit 30 000 Euro. „Das war sehr viel Bürokratie“, sagt Winter. Dafür sei selbst die Gartenbestuhlung bezuschusst worden. Doch einige Zeit später tauchte ein Beamter auf, um zu kontrollieren, ob die Fördergelder zweckentfremdet wurden.

Hannes Werner-Busse ist überzeugt, dass sich der Aufwand für alle Beteiligten lohnte. Der Regionalmanager hofft, auch in der nächsten EU-Förderperiode berücksichtigt zu werden. Zu tun gäbe es noch einiges entlang der Gersprenz. Insgesamt 24 Regionen haben sich für das „Leader“-Programm beworben, vier von ihnen werden leer ausgehen.

 

Darmstädter IT-Tüftler

 

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Dr.-Ing. Dieter Schuller von der TU Darmstadt demonstriert anhand eines Modells, wie digitale Technik helfen kann, Lieferketten empfindlicher Waren künftig lückenlos zu überwachen. Fotos: Overländer

Nach dem Abstecher ins ländliche Idyll geht die Reise weiter ins rund 30 Kilometer westlich gelegene Darmstadt. Hier arbeiten die Wissenschaftler der Technischen Universität (TU) Darmstadt an digitalen Lösungen für kleine und mittelständische Unternehmen. Der Ingenieur Dr. Dieter Schuller tüftelt seit September 2011 mit seinen Kollegen vom Fachbereich „Elektro- und Informationstechnik“ an einer virtuellen Fabrik.

Unter dem Titel „Adventure“ tüfteln die TU Darmstadt, die finnische Universität Vaasa, die Uni Wien und mehrere private Partner an einem Computerprogramm, das Fertigungsabläufe von Industriegütern revolutionieren soll. „Wenn die Struktur eines Fertigungsprozesses relativ komplex ist, ist es eine ziemliche Aufgabe, die passenden Partner zu finden“, erläutert Schuller, während er in Windeseile durch sein Computerprogramm navigiert, um zu demonstrieren, wie industrielle Fertigungsprozesse in Zukunft aussehen könnten.

Die Idee, die sich hinter dem von der EU mit 2,8 Millionen Euro geförderten Projekt verbirgt, ist simpel und bestechend: Mithilfe der Online-Plattform „Adventure“ sollen Unternehmer imstande sein, ohne große Recherche die von ihnen benötigten Bauteile bestellen zu können. Anhand von Parametern lässt sich bestimmen, ob die gewünschten Waren möglichst günstig oder schnell geliefert werden. Ein Mausklick genügt, um mit dem gewünschten Zulieferer in Kontakt zu treten und die Bestellung aufzugeben.

 

Aufwand zahlt sich aus

 

„Unsere Industriepartner wollen das Programm schon einsetzen. Wir sind just an dem Punkt, wo wir uns einigen müssen“, sagt Schuller. Der Wissenschaftler hofft auf neue EU-Fördermittel, um sein Projekt fortzusetzen. Der Aufwand für solch ein EU-Projekt sei aufgrund der existierenden Nachweispflichten zwar groß. Er zahle sich aber auch aus, sagt Schuller.

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