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Kirchengeläut polarisiert: Wenn hessische Glocken zu laut läuten

Überflüssiges Relikt aus längst vergangenen Zeiten oder wichtiger Bestandteil der christlich-abendländischen Tradition - am Läuten von Kirchenglocken scheiden sich die Geister.
Ein Arbeiter steigt nahe der Evangelischen Pauluskirche (r) in Darmstadt (Hessen) auf das Dach der vorübergehend aufgebauten LichtKirche aus Plexiglas, Holz und Stahl Foto: Arne Dedert (dpa) Ein Arbeiter steigt nahe der Evangelischen Pauluskirche (r) in Darmstadt (Hessen) auf das Dach der vorübergehend aufgebauten LichtKirche aus Plexiglas, Holz und Stahl
Darmstadt. 

Bald schweigen nachts die Kirchenglocken im Darmstädter Paulusviertel. Es ist eine der besten Wohngegenden der Stadt - mit streitbaren und lärmempfindlichen Bürgern. Ein Neubau des Fußballstadions am nahegelegenen Böllenfalltor scheiterte kürzlich auch an Lärmschutzauflagen und den Bedenken einiger Anwohner. Nun sorgten deren Beschwerden dafür, dass die evangelische Kirchengemeinde den Uhrschlag ab dem 1. September während der gesetzlichen Nachruhe aussetzt. «Wichtig ist uns ein gutes Zusammenleben im Viertel», sagt Pfarrer Raimund Wirth.

Dass sich Anwohner am Läuten von Kirchenglocken stören, kommt immer wieder vor, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur in den Landeskirchen und Bistümern in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ergab. «Derzeit gibt es einige Beschwerden, die Vorjahre waren da schon etwas ruhiger», sagt zum Beispiel Thomas Wilhelm, Glockensachverständiger der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).

Auch der Sprecher der Evangelischen Kirche der Pfalz, Wolfgang Schumacher, räumt ein, dass sich Anwohner von Zeit zu Zeit bei den Gemeinden über das Läuten beklagten. Dies gehöre jedoch nicht zum Alltag. Meistens seien die Glocken deutlich früher am Ort gewesen als die Beschwerdeführer. Insofern seien Menschen, die sich über den Glockenschlag beschwerten, denen nicht unähnlich, die über Lärm auf dem Bauernhof klagten: «Wer auf's Land zieht, der muss mit frühem Hahnenschrei rechnen. Und wer neben der Kirche wohnt, der sollte sich nicht über Glockenläuten wundern.»

Wenn einem Anwohner die Glocken zu laut läuten, wird normalerweise ein Glockensachverständiger entsandt. Der misst dann den Lärmpegel, wie Diözesankirchenmusikdirektor Thomas Drescher vom Bistum Mainz erklärt. «In der Regel entsprechen die Schallwerte den gesetzlichen Vorgaben», sagt er. Wenn das nicht der Fall sei, was vor allem bei älteren Anlagen vorkommen könne, werde die Gemeinde aufgefordert, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. «Meist muss dann die Verbretterung der Schallläden im Glockenturm verstärkt werden.»

Zudem kann man den Glockenschlag selbst dämpfen, wie Wilhelm erklärt: Entweder können die Schlaghämmer in den Glocken mit Magneten so gesteuert werden, dass das Läuten in der Nacht leiser ist. Oder aber man verwendet zwei verschiedene Hämmer für Tag und Nacht.

Für viele Gläubige spielen Kirchenglocken nach wie vor eine große Rolle. «Das zeigt sich etwa daran, dass Menschen sich für den Erhalt oder die Restaurierung der Kirchenglocken - auch finanziell - einsetzen und nach wie vor Glockenweihen gefeiert werden», sagt etwa Judith Rupp vom Bistum Trier. Und ihr evangelischer Kollege Schumacher aus der Pfalz beton: «Unsere Erfahrungen bei Reparaturen oder Ankauf neuer Glocken zeigen, dass die überwiegende Mehrheit von Dorf- oder Stadtbewohnern sich an den Glocken nicht stört.»

Dass das Glockenläuten aber nicht bei allen auf Begeisterung stößt, weiß man bei den Kirchen. «Für die einen ist dieser Klang wie Musik, Kindheit und Heimat. Für andere hingegen Lärm, der wehtut wie eine Ohrfeige», sagt Lutz Friedrichs, Referatsleiter für Kirchenmusik bei der Evangelischen Kirchen von Kurhessen-Waldeck (EKKW). «Weil uns das bewusst ist, sind wir bemüht, mit unserem Läuteprivileg behutsam und unserer Zeit angemessen umzugehen.»

Das Läuten während des Gottesdienstes oder zu bestimmten Gebetszeiten ist von der im Grundgesetz verankerten Religionsfreiheit geschützt. Für den Zeitschlag greifen dagegen die Lärmschutzrichtlinien. In der Darmstädter Paulusgemeinde lag der Zeitschlag über den Grenzwerten.

«Die Glocke generell zu dämpfen und damit den Charakter des Stundenschlag zu verändern und ihn damit auch am Tag in manchen Bereichen des Paulusviertels unhörbar zu machen, kam für uns nicht in Frage», sagt die stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstandes, Katharina Rauh.

Erwogen habe man kurzzeitig, einen eigenen Nachthammer zu installieren. «Aber ein solchermaßen «kastrierter» Stundenschlag war aus Sicht des Kirchenvorstandes nichts Halbes und nichts Ganzes», erklärt Rauh. Zudem werde die Rechtssprechung immer strenger. «Ein Nachthammer hätte womöglich so stark dämpfen müssen, dass der nächtliche Stundenschlag kaum noch hörbar wäre.»

Auf einen Rechtsstreit wollte man es ohnehin nicht ankommen lassen. Man habe das Ruhebedürfnis der Anwohner höher gewichtet als den Wunsch, die Glocken auch während der Nacht zu hören, sagt Pfarrer Wirth. Die Entscheidung halte er für richtig. Persönlich werde er den nächtlichen Stundenschlag jedoch vermissen, räumt er ein.

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