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Blick nach innen: Schöner Schein?

Zu dick, zu dünn, nicht hübsch genug – viele Menschen sind mit ihrem Körper unzufrieden und investieren viel Energie und Geld in die – scheinbare – Optimierung.
Bin ich schön? Bin ich zu dick oder zu dünn? Entspreche ich der gesellschaftlichen Norm? Fragen, die sich unsere Autorin Leonie Dowidat oft gestellt hat. Bin ich schön? Bin ich zu dick oder zu dünn? Entspreche ich der gesellschaftlichen Norm? Fragen, die sich unsere Autorin Leonie Dowidat oft gestellt hat.
Hünfelden. 

Als ich vor vier Jahren angefangen habe, hobbymäßig zu modeln und die Bilder zu veröffentlichen, habe ich sie dauernd gehört, die Kommentare: „Die schaut aber ganz schön mager aus!“ oder „Ist das nicht ein wenig ungesund?“ Auch heute lese ich derlei Bemerkungen oft unter den Fotos von Freundinnen und Kolleginnen, nehme die Kritik an dünnen Menschen deshalb vielleicht umso sensibler wahr. Und der Kommentar „Ganz schön mutig!“ hat bei übergewichtigen Menschen oft keinen positiven Unterton, sondern vermittelt die unterschwellige Botschaft: An jedem Körper gibt es noch etwas, was verbessert werden kann. Nein, verbessert werden muss – wie können wir es wagen, uns selbst so in Ordnung zu finden, dass wir Fotos von uns veröffentlichen und damit zufrieden sind?

Das Geschäft floriert

„Body-Shaming“ heißt dieses Phänomen auf Neudeutsch, das Schämen für den eigenen Körper, der aufgrund irgendwelcher Makel zur Kritik oder Ablehnung einladen könnte. Demgegenüber stehen Diäten, Fitnessprogramme – allesamt Maßnahmen, um den eigenen Körper der gewünschten Idealvorstellung anzugleichen. Und es greift immer weiter um sich. Schon ein kurzer Spaziergang durch die Fußgängerzone macht es auf erschreckende Art und Weise deutlich: Das Geschäft mit Schönheitsmitteln für den perfekten Körper floriert.

Statistiken zufolge werden Heranwachsende der Generation Digital mit circa 400 bis 600 Werbe-nachrichten am Tag bombardiert. Jede elfte davon suggeriert den jungen Männern und Frauen ein Schönheitsideal. Eine schmale Taille, einen flachen Bauch und lange, dünne Beine für sie, ein definiertes Six-Pack und ein überzüchteter Bizeps für ihn. Dazu kommt, dass der Körper durch die permanente Selbstdarstellung in Facebook, Instagram und Co zu unserer Visitenkarte geworden ist. Wir geben immer mehr Geld dafür aus, um schön zu sein – ohne zu hinterfragen, was „Schönheit“ für uns persönlich überhaupt bedeutet.

Als ich fünfzehn Jahre alt war, hatte ich starkes Übergewicht. Damals war ich der festen Überzeugung, dass ich viel besser aussehen würde, wenn ich abnähme. Ein halbes Jahr später wog ich nur noch die Hälfte meines bisherigen Körpergewichts. Meine Überzeugung hatte mich direkt in eine Essstörung getrieben. Es hat viel, viel Zeit, und ungezählte Tränen gebraucht, dass ich heute wieder in den Spiegel schauen kann und mich selbst in Ordnung finde.

Im Nachhinein finde ich es bezeichnend, dass oft das Argument fiel, Männer stünden doch gar nicht auf Frauen ohne Kurven. Als wäre das alles, was an einer Person mit einem verfälschten Körperbild korrigiert werden muss. Dass sie sich wieder daran erinnert, was in der Gesellschaft eigentlich „en vogue“ ist.

Trend hat sich umgekehrt

Derzeit geht der Trend unserer Gesellschaft wieder in die umgekehrte Richtung. Dicke wegen ihres Gewichts zu verspotten, ist verpönt. Immer wieder schieben uns Lifestyle-Medien die Bilder erfolgreicher XXL-Models unter oder verweisen darauf, dass ein paar Kilos zu viel in anderen Kulturen ein Schönheitsideal darstellen. Stattdessen sehen sich dünne Menschen immer wieder Spott und Häme ausgesetzt: „Wenn ich so dünne Stelzen hätte, würde ich aber nicht in Röhrenjeans auf die Straße gehen…“, gehört zu den harmlosesten Sprüchen, die ich in dieser Zeit gehört habe. Wir vergleichen uns permanent.

Und darin liegt der Fehler: Um Dinge (oder Körper) vergleichen zu können, müssen wir Maßstäbe entwickeln, Werte definieren, die für alle gelten. Stattdessen sollten wir uns lieber die Ruhe und die Zeit nehmen, einen Schritt zurückzutreten und uns selbst die Frage zu stellen: Was finde ich an einer Person eigentlich schön oder attraktiv? Die Antwort kann einen im ersten Moment ganz schön vom Hocker hauen: Ich hatte das Gefühl, jahrelang ein Brett vor dem Kopf gehabt zu haben, als ich erkannte, dass mein Idealbild von dem mageren Mädchen, das ich war, weiter nicht hätte entfernt sein können. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass diese Erkenntnis mir das Leben gerettet hat.

Natürlich, ich halte es ebenfalls für wichtig, junge Menschen für die eigene Wahrnehmung zu sensibilisieren. Allerdings dürfen diese Warnungen nicht in das Gegenteil umschlagen.

Denn letzten Endes ist das eigene Körpergewicht in meinen Augen eine ebenso persönliche Sache wie Religion oder Sexualität. Wir selbst entscheiden, wie viel Platz wir diesem Aspekt unserer Persönlichkeit einräumen. Und das einzig Wichtige dabei, ist, dass wir uns damit wohlfühlen.

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