Bildung ohne Verlierer

Von Ein Fünftel der Kinder gilt in Deutschland als Bildungsverlierer. Sie kommen nicht mit in der Schule, werden nicht entsprechend ihrer Begabungen gefördert und beenden ihre Schulzeit oft ohne Abschluss. Es geht auch anders, das zeigt das Beispiel in der Gemeinde Mengerskirchen. Gemeinsam erziehen, bilden, fördern und unterstützen ist das Ziel.
»Keiner kann alles« haben (von links) Lara Maric, Sophie Höhenberger und Marie Schäfer ihr Plakat überschrieben, auf dem sie alles zum Thema Igel zusammengetragen haben. Foto: Laubach »Keiner kann alles« haben (von links) Lara Maric, Sophie Höhenberger und Marie Schäfer ihr Plakat überschrieben, auf dem sie alles zum Thema Igel zusammengetragen haben. Foto: Laubach

Ein Fünftel der Kinder gilt in Deutschland als Bildungsverlierer. Sie kommen nicht mit in der Schule, werden nicht entsprechend ihrer Begabungen gefördert und beenden ihre Schulzeit oft ohne Abschluss. Es geht auch anders, das zeigt das Beispiel in der Gemeinde Mengerskirchen. Gemeinsam erziehen, bilden, fördern und unterstützen ist das Ziel.

Mengerskirchen. Die Kinder der Klasse 2c sitzen im Kreis. Es ist kurz nach 8 Uhr. Die erste Stunde an diesem Schultag. Joshua hatte das Geschichtsbuch mit zu Hause und trägt nun seine Kurzgeschichte vor, vom Maus und Elefanten. Eine lustige Geschichte, zu der er auch ein Bild gemalt hat. Alle finden das Bild und die Geschichte toll. Pauline übernimmt das Buch, sie ist die nächste, die eine Geschichte in das Buch schreiben möchte.

Joshuas Part vor der Klasse ist noch nicht beendet. Klassenlehrerin Nicole Wegmann fragt nach der letzten Sitzung des Schülerparlaments. «Wir haben über die Freundlichkeit im Bus gesprochen», erzählt Joshua. Das ist ein Thema, da gibt es ganz offenbar Mängel. Die meisten Kinder kommen mit dem Bus zur Franz-Leuninger-Schule. «Wir wollen das mit den Vertrauensschülern besprechen», erzählt Joshua weiter. Und während er berichtet, geht Melanie Scholz an den am Rand stehenden Lernplätzen vorbei und kontrolliert die Hausaufgaben, die zuvor alle auf die Tische gelegt haben. Gibt es Lücken oder Unklarheiten, wird das im direkten Gespräch geklärt. Melanie Scholz ist eine von mehreren Integrationsfachkräften. Acht Stunden ist sie pro Woche an der Leuninger-Schule, an der selbstverständlich auch Kinder unterrichtet werden, die Probleme haben, den Schulstoff aufzunehmen oder zu verarbeiten, die hochbegabt sind oder auch eine erhöhte Betreuung in ihrem Sozialverhalten benötigen.

Als Joshua fertig ist, fragt Nicole Wegmann noch nach neuen Päckchen, die für die Aktion «Weihnachten im Schuhkarton» gesammelt werden. Mitten in dem von den Kinder gebildeten Kreis liegen schon einige Päckchen, neue kommen an diesem Morgen hinzu. «Alle machen da mit», sagt die Lehrerin. Alle, das heißt nicht nur alle Kinder der Leuninger-Schule, alle heißt auch die Kindertageseinrichtungen, die Eltern und die Westerwaldschule Waldernbach, in der viele Kinder ihre Schulzeit nach dem Besuch der Grundschule fortsetzen werden.

Sie alle sind zusammen mit der Gemeinde, den Kirchen und Vereinen das Bildungsforum Mengerskirchen. Das Ziel: Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 16 Jahren zu fordern und zu fördern. Für keine und keinen soll Bildung daran scheitern, dass die Rahmenbedingungen im Elternhaus nicht stimmen.

Nachdem die Päckchen in der Klasse eingesammelt sind, geht es um Igel. Jessica erzählt alles über die Tiere, was sie an Informationen zusammengetragen hat: Wie viele Stacheln die Tiere haben, was sie fressen, wo sie leben und wie sie durch den Winter kommen. Jessica hat dazu auch ein Plakat mit Bildern und Texten angefertigt. Als sie ihren Vortrag beendet hat, gibt es «Manöverkritik». Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sagen, was sie an dem Vortrag gut fanden und was noch zu verbessern ist. Jessica hat zum Beispiel nicht laut genug gesprochen, andere loben sie für die vielen Informationen, die sie zusammengetragen hat.

«Die wichtigste Station liegt vor der Schule», macht Nicole Wegmann deutlich. Nach ihrer Einschätzung legen die Kindergärten und Tageseinrichtungen den Grundstein dafür, dass das Bildungsforum seinem Ziel Bildung ohne Verlierer immer näher kommt. Je früher geistige, körperliche oder soziale Mängel erkannt werden, desto früher lässt sich an ihnen arbeiten und das Anders sein wird dann nicht zum Nachteil.

Disziplin

Vor der Schule, da ist Heike Ansari im Einsatz, sie leitet die Kindertagesstätte «Unterm Regenbogen» in Winkels. «Eltern sind Fachleute», sagt sie. Und deshalb würden die Eltern auch ganz eng mit eingebunden in die Arbeit. Eine wichtige Unterstützung ist das im Mai dieses Jahres bei der Gemeinde eingerichtete Familienbüro mit Rita Ebenig-Kraut. Sie besucht neu hinzugezogene Familien, informiert und berät Eltern und ebnet die Wege zu Fachbehörden und Einrichtungen.

In der 2 c beschäftigt sich nicht nur Jessica mit dem Thema Igel. Andere haben ebenfalls Plakate zusammengestellt, Fotos ausgesucht und selbst Bilder gemalt, Informationen in Texten zusammengetragen. Der Kreis in der Mitte des Klassenzimmers löst sich auf, in kleinen Arbeitsgruppen wird an den Plakaten weitergearbeitet.

«Disziplin und Selbstvertrauen sollen die Kinder an der Leuninger-Schule erwerben», sagt Nicole Wegmann, Klassenlehrerin, Leiterin der Schule und Sprecherin des Bildungsforums in Personalunion. Nach ihren Angaben zeigen die Bemühungen um die Bildungsgerechtigkeit nach über drei Jahren des Aufbaus und Einsatzes nun Erfolg: Eltern entwickeln Vertrauen, die zuvor den Bildungseinrichtungen fern standen und mit viel Misstrauen begegneten. Und wenn die Eltern Vertrauen haben, können auch Probleme erkannt und gelöst werden. Probleme ganz vielfältiger Art: Behinderungen von Kindern, soziale Notlagen, Betreuungsmängel und mehr. Was das Bildungsforum auf die Beine gestellt hat, ist inzwischen preisgekrönt: In diesem Jahr gab es den Preis der Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie.

Eltern einbeziehen

«Wir müssen nicht nur die Kinder sehen, sondern auch die Eltern», macht Petra Wagner als Vertreterin der Eltern im Bildungsforum deutlich. Auf diesem Weg sind die Einrichtungen in der Gemeinde Mengerskirchen ein deutliches Stück voran gekommen. «Familien kommen auf uns zu und sagen: Wir brauchen Hilfe», sagt sie. Und die Hilfe kann ganz unterschiedlich ausfallen: Einsatz von Tagesmüttern, kurzfristige Mittagsbetreuung, Hausaufgabenhilfe und mehr.

Schulen und Kindergärten haben sich zu Ganztagseinrichtungen entwickelt. Es ist ein Angebot, das nicht verpflichtend ist, das aber immer häufiger angenommen wird. «Über die Hälfte der Schüler nehmen die Nachmittagsbetreuung in Anspruch», erzählt die Elternvertreterin. Es ist ein flexibles Angebot, das auch Notsituationen in den Familien reagieren kann.

In der Gemeinschaft

«Das Bildungsforum hat mir die Möglichkeit gegeben, nicht vom Amt abhängig sein zu müssen», sagt Karl-Heinz Stillger. Der 57-Jährige ergänzt an der Schule den Hausmeister und hat selbst noch einen Sohn an der Schule, ein zweites Kind ist gerade nach Waldernbach an die Schule gewechselt. Der älteste Sohn hat über das Bildungsforum eine Praktikumsstelle gefunden, die inzwischen sein Ausbildungsplatz ist. Bis zum 31. Dezember läuft Stillgers Arbeitsverhältnis. Für eine Weiterbeschäftigung werden noch Lösungen gesucht.

Stillger kam mit seiner Frau und drei Kindern von Frankfurt nach Mengerskirchen, inzwischen ist er alleinerziehend. «Die Kinder hatten Schwierigkeiten in der Schule», sagt er über die Zeit in Frankfurt. Schwierigkeiten, die auch keine Gemeinschaft mit anderen zuließ. Inzwischen gibt es in der Deutscharbeit auch schon einmal ein Eins, die zwei Söhne gehen nun gerne in die Schule und genießen die Gemeinschaft, in der sie leben.

Bildung ohne Verlierer.

Zur Startseite Mehr aus Themen von A bis Z

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen