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Das historische Spiel: 25 am Stück

15. Spieltag der Saison 1972/ 73: Immerhin 16.000 Zuschauer sind an diesem 25. November im Frankfurter Waldstadion erschienen, um das Gastspiel von Borussia Mönchengladbach in Frankfurt zu verfolgen.
Jürgen Grabowski Bilder > Jürgen Grabowski
Frankfurt. 

Was nach einem eher dürftigen Besuch klingt, ist für die Eintracht schon ein Fortschritt. Denn das letzte Heimspiel verfolgten gerade einmal 6000 Getreue.

Gründe für den Zuschauereinbruch gibt es mehrere. Da ist zum einen der Umbau des Waldstadions für die WM 1974, der dafür sorgt, dass sich die Zuschauer wenig komfortabel mitten in einer Baustelle bewegen. Und da sind die Nachwirkungen des Bundesligaskandals 70/71: Insgesamt 1,3 Millionen Zuschauer weniger als noch im Skandaljahr wollen die Spiele der Bundesligakicker sehen. Überproportional drastisch ist der Zuschauerrückgang und damit der Einnahmeschwund bei den Riederwäldern. Obwohl die Eintracht und ihre Spieler nichts mit den Schiebereien zu tun haben, sinkt der Zuschauerschnitt in den Heimspielen von 23.077 in der Saison 70/71 auf 13.714 in der laufenden Spielzeit.

Zuhause eine Macht

Mit Borussia Mönchengladbach kommt nicht nur der Meister der Jahre 1970 und 1971 nach Frankfurt, sondern auch die Mannschaft, die zuletzt das Kunststück fertig brachte, die Eintracht in einem Bundesligaheimspiel zu bezwingen. Seit jenem 34. Spieltag am 5. Juni 1971 ist die Eintracht in nunmehr 24 Spiele im Waldstadion ungeschlagen geblieben. Beide Trainer müssen auf Stammpersonal verzichten. So kann Gladbachs Hennes Weisweiler zwar auf seinen Regisseur Günter Netzer zurückgreifen, den er freilich als Libero aufstellt, muss jedoch auf andere Korsettstangen seiner Mannschaft verzichten: Sieloff, Wittkamp und auch „Hacki“ Wimmer fallen aus, Bleidick ist auch nicht mit von der Partie.

Noch am Freitagabend vor dem Spiel hatte auch Eintracht-Trainer Ribbeck große Sorgen. Aber am Samstag steht fest, dass Nickel und Weidle spielen werden und sowohl Rohrbach als auch Konca einsatzbereit auf der Bank Platz nehmen können. Weiterhin fehlen der Eintracht aber die verletzten „Kalla“ Wirth und Friedel Lutz sowie Neuzugang Hofmeister, der nach seinem Platzverweis immer noch gesperrt ist. Zudem muss Ribbeck Thomas Parits entbehren, der auf Malta für die Nationalelf Österreichs antritt. Von personellen Wechselspielen wenig beeindruckt legt die Heimmannschaft gleich richtig los und reißen sofort das Spiel an sich. Dabei kommt ihnen Netzer entgegen, der seine von Weisweiler zugewiesene Liberorolle allzu defensiv zu interpretieren scheint.

Mit andern Worten: Netzer tritt in der gegnerischen Hälfte fast nicht in Erscheinung und hält sich so konsequent in der Nähe des eigenen Strafraumes auf, als sei das Überqueren der Mittellinie unter Strafe gestellt. Möglich ist, dass Heese Netzer die Lust an Ausflügen verdorben hat. Das Raubein im Trikot der Eintracht hat Netzer nach einer Viertelstunde niedergestreckt, als er den blonden Spielmacher bei dessen ersten angedeuteten Spurt nach vorn mit einem langen Bein von hinten rüde zu Fall brachte. So bleibt einzig Hans-Hubert „Berti“ Vogts, der im Gladbacher Team Fahrt aufnimmt. Das ist jedoch zu wenig gegen eine Frankfurter Mannschaft, in der Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein die Gladbacher Hintermannschaft durcheinander wirbeln. Die ersten Chancen haben jedoch nicht Grabowski und Hölzenbein, sondern der „Lange“. Nach sieben Minuten hat Uwe Kliemann bereits zwei gefährliche Kopfbälle in Richtung des Gladbacher Kastens geschickt. Beim zweiten Kopfstoß ist der Gladbacher Torhüter Kleff bereits geschlagen, doch Netzer rettet auf der Linie.

Von Gladbachs einstigem offensiven Glanz ist nicht mehr viel zu sehen. Weisweiler hat für seine zahlreichen Verletzten nichts Ebenbürtiges aufzubieten und Netzer ist weiter mit der Abwehrarbeit überlastet und wird von den Frankfurtern zu Fehlern gezwungen. Einer davon führt in der 26. Minute zu einem Ballverlust, Hölzenbein nimmt das Leder auf und eilt an Netzer vorbei. Schussmann Kleff kann das Tor für Frankfurt vorerst nur verhindern, in dem er den Frankfurter von den Beinen holt. „Ich hatte keine andere Wahl mehr. Ich musste Hölzenbein festhalten“, bitten der Gladbacher Keeper um Verständnis. Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben: Grabowski verwandelt den fälligen Strafstoß sicher. Damit ist Weisweilers Taktik, gegen die Frankfurter auf Halten zu spielen, erst einmal gescheitert. Netzer gibt nun seinen Libero-Posten an Berti Vogts ab, um sich häufiger in die Gladbacher Angriffe einschalten zu können.

Kurze Zeit später – es läuft die 36. Spielminute – haben die Gäste nach einer herrlichen Kombination zwischen Netzer, Surau und Heynckes tatsächlich ihre bis dahin größte Chance zum Ausgleichstreffer. Glück für die Eintracht, dass Heynckes den Ball in aussichtsreicher Position am Pfosten vorbei lenkt. In der Folge werden jedoch Gladbachs Torgelegenheiten noch seltener als bislang, was auch an der heute überzeugenden Frankfurter Deckungsarbeit liegt. Dort imponieren erneut die Sicherheit von Lothar Schämer und die Umsicht von Libero Trinklein. Dass Kliemann Heynckes weitgehend kalt stellt, ist nicht nur der Kopfballstärke des langen Berliners zu verdanken, der seinem Widerpart auch am Boden kaum Möglichkeiten zur Entfaltung bietet.

Erfreulich ist auch die ansteigende Form Peter Reichels, der in der Abwehr abgeklärter und bei seinen Vorstößen gefährlicher als sonst agiert. An der Dominanz der Gastgeber vermag auch Netzer nichts zu ändern, vielmehr macht ihm offensichtlich eine Verletzung zu schaffen, der Ausnahmefußballer baut immer mehr ab. Netzers schleifende Zügel kommen Körbel zugute, der immer mehr zum Anspielpunkt im Mittelfeld avanciert, und die Bälle gut verteilt. Weidles Fleißpensum im Mittelfeld stellt für den immer noch zögerlichen Nickel einen adäquaten Ausgleich dar und vorn treiben Jürgen Grabowski und Hölzenbein immer wieder Keile in die Abwehr der Gladbacher.

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Auch in der zweiten Halbzeit ändern sich die Kräfteverhältnisse nicht. Kliemann sorgt nicht nur im gegnerischen Strafraum immer wieder für Unruhe, er hat im eigenen auch Heynckes weiter sicher im Griff. Die quirligen Frankfurter Spitzen Grabowski und Hölzenbein sind von den Gladbachern auch in den zweiten 45 Minuten einfach nicht zu stoppen. Dabei steigen die Gäste oft hart und an der Grenze des Erlaubten gegen die beiden feinen Techniker ein. Als zuerst Grabowski und dann Bernd Nickel im Strafraum der Gladbacher von den Beinen geholt werden, ist die Grenze des Erlaubten jeweils deutlich überschritten. Doch beide Male verweigert der Unparteiische den fälligen Strafstoß. Die Eintracht lässt sich von den Fehlentscheidungen jedoch nicht aus dem Konzept bringen.

Als Beweis für ihre Unbeirrtheit, erzielt die Eintracht in der 54. Minute das zweite Tor. Nach einem Foulspiel von Michallik, das mit der Gelben Karte bestraft wird, tritt Schämer den Freistoß nach innen und findet dort Nickel, der das Leder an den Pfosten köpft. Hölzenbein hat keine Schwierigkeiten damit, den abgeprallten Ball über die Torlinie zu befördern. Eine Viertelstunde vor Schluss nimmt Weisweiler dann auch Netzer vom Platz. Sein Gegenspieler Körbel agiert nach Belieben, der Gladbacher tut kaum einen Schritt mehr.

Mit hängendem Kopf schleicht er von dannen und die Menge johlt: „Hi-ha-ho, Netzer ist K.o.!“ Kaum einer ahnt in diesem Augenblick, wie ungerecht dieser Hohn ist. Viele glauben, dass Weisweilers verlängertem Arm zusehends die Puste ausgegangen ist, doch der Trainer attestiert dem Spielgestalter außer Dienst nicht wie erwartet Konditionsmängel oder Lustlosigkeit: „Er hat eine Verletzung an der Bauchdecke, deswegen nahm ich ihn runter.“ Ersetzt wird Netzer wird von Neuzugang Shmuel Rosenthal, dem ersten israelischen Profi, der in Europa unter Vertrag steht. Es ist Rosenthals 13. Bundesligaeinsatz, jedoch konnte sich der Libero trotz vier weiterer Spiele im UEFA-Pokal bislang keinen Stammplatz erkämpfen.

An Rosenthal liegt es freilich nicht, dass „Funkturm“ Kliemann nach einer Ecke von Hölzenbein die Lufthoheit, die er heute in beiden Strafräumen besitzt, ausnutzen kann. Per Kopf trifft er in der 77. Minute zum 3:0 – und dabei bleibt es auch.

Eintracht Frankfurt – Borussia Mönchengladbach 3:0 Eintracht: Kunter, Reichel, Kliemann, Trinklein, Schämer, Körbel (81. Rohrbach), Weidle, Nickel, Grabowski, Heese (76. Konca), Hölzenbein Möchengladbach: Kleff, Michallik, Bonhof, Netzer (73. Rosenthal), Surau, Vogts, Fuhrmann (58. Rupp), Danner, Kulik, Heynckes, Jensen Schiedsrichter: Ohmsen (Hamburg) Zuschauer: 16.000 Tore: 1:0 Grabowski (26., Foulelfmeter), 2:0 Hölzenbein

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